Dass der urbane Süden in der Papieri heute optisch dominiert, hat seinen Grund: Die Papieri verbindet bewusst zwei Welten. Der bereits bewohnte städtische Teil soll pulsieren – mit Gewerbe, Wegen und öffentlichen Plätzen. Der Norden hingegen wird zum grünen Gegenpol: parkartig, mit grossflächigen Baumfeldern, Rückzugsräumen und deutlich kühlerem Mikroklima. Genau diese Balance macht das Quartier besonders. Und genau dieser nördliche Freiraum ist es, den man noch nicht wahrnehmen kann – weil er erst entsteht.
Verantwortung von Anfang an
Der Bebauungsplan, der 2018 vom Chamer Stimmvolk angenommen wurde, entstand vor rund 10 Jahren. Damals war der Zeitgeist ein anderer. Man wollte Urbanität schaffen, die Stadt nach Cham bringen: urban, industriell, dicht – und wenn überhaupt, dann nur punktuell begrünt. Das Freiraumkonzept sah beispielsweise für die Maschinengasse eine «einheitlich gestaltete, befestigte Fläche» vor – ohne Grünstrukturen oder räumliche Zonierung. Bäume waren ausdrücklich nicht erwünscht.
Doch bald nach Baubeginn veränderte sich die Realität: heissere Sommer, neue Anforderungen an Biodiversität, ein spürbarer Wunsch nach Grün im Alltag. Die veränderten Bedürfnisse der Menschen verlangten nach Antworten. Das Planerteam der Papieri reagierte und übernahm Verantwortung weit über die formellen Vorgaben hinaus. So entwickelte sich die Papieri während des Baus grüner, als es die Idee im Bebauungsplan je vorgesehen hatte: Bäume und unbefestigte Flächen in der Maschinengasse, ein Grünbereich mit Riesenrutschbahn, wo einzig eine Betontreppe geplant war, und Pflanzenflächen auf dem Papieri-Platz. Keine dieser Massnahmen war Bestandteil des geforderten Freiraumkonzepts. Sie wurden trotzdem umgesetzt – auf Kosten der Bauherrschaft und zugunsten der Nutzenden der Papieri und der Chamer Bevölkerung.
«Grüne Gasse» der dritten Etappe
Besonders sichtbar wird dieser Wandel im Herzstück der sich im Bau befindenden dritten Bauetappe, der Lagergasse, genannt die «Grüne Gasse». Wo ursprünglich eine befestigte Erschliessungsfläche mit vereinzelten Bäumen zwischen Haus E und F vorgesehen war, entsteht nun ein langer, schattiger Aufenthaltsraum. Grosse Bäume, Fassadenbegrünungen und helle, wasserspeichernde Beläge ersetzen harte Materialien. Sogar die Tiefgarage wurde geöffnet, damit grosskronige Bäume Wurzeln schlagen können – ein baulicher Eingriff, der zeigt, wie ernst die Bauherrschaft das Thema Klimaanpassung nimmt.
Auch technisch zeigt sich der Mehrwert der neuen Planung. Innovative Klimasteine kühlen Oberflächen durch gespeichertes Regenwasser, Dachgärten und Gründächer mit Photovoltaik sorgen für Verdunstungskühle und Energieproduktion zugleich. Fassadenbegrünungen filtern Feinstaub und spenden Schatten. Wo es möglich war, wurde Versiegelung reduziert, um Platz für versickerungsfähige Flächen zu schaffen. Diese Massnahmen sind Ausdruck eines Anspruchs der Papieri, der weit über die ursprünglichen Rahmenbedingungen hinausgeht.
Weiterentwickeltes Energiesystem
Gleichzeitig wächst nicht nur das Grün, sondern auch die Technologie mit: automatische Beschattung, CO₂-neutrale Kühlung, intelligente Laststeuerung. Das fossilfreie Energiesystem der Papieri – ausgezeichnet mit dem Watt d’Or – zeigt bereits heute, wie ein klimaneutraler Stadtteil funktionieren kann. Dass dieses Modell inzwischen schweizweit Beachtung findet, bestätigt die Richtung, in die sich die Papieri Cham bewegt.
Gemeinsam Zukunft denken
Obwohl diverse Umsetzungen für eine grüne Papieri nicht gefordert waren, wurden sie von der Bauherrschaft realisiert, weil Entwicklungs- und Klimadynamik schneller waren als der Plan. Und die Gemeinde Cham hat diese Weiterentwicklung aktiv unterstützt: Die Bewilligungsbehörde erkannte den Mehrwert und bewilligte die zusätzlichen Massnahmen unbürokratisch und schnell.
Damit ist das Papieri-Areal schon heute grüner, kühler und klimaresilienter, als es die ursprüngliche Idee des Bebauungsplans vorgesehen hatte – lange bevor der Norden seine grossen landschaftsnahen Räume entfaltet. Die Papieri zeigt damit eindrücklich, wie erfolgreich sich ein Quartier weiterentwickeln kann, wenn Behörden und Entwickler gemeinsam nach vorne denken.