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Ein Tag im Einzelstück Brocki

Das Hotel der Dinge

Das Jahr ist noch jung und der erste Vorsatz bereits über Bord. Kein Alkohol, keine Süssigkeiten und keine schlechte Laune. Laster loslassen kann anstrengend sein. Vielleicht hilft es, den Laster zu füllen und mit Habseligkeiten ins Brocki zu fahren. Denn überflüssige Kilos lauern gerne auch im Hausrat. Sie loszuwerden weckt in anderen womöglich gar Glücksgefühle. Eine Anlaufstelle: das Einzelstück Brocki in Steinhausen.


Das Hotel der Dinge
Knapp 400 Quadratmeter bieten Platz für Allerlei.

Zwischen Routine und der Jagd nach Schätzen
Kurz vor 10 Uhr stosse ich die Türe zum Brocki auf. Zwischen den vollen Regalen vernehme ich ein freundliches «Guten Morgen» und treffe die Besitzerin beim Durchkämmen des Kleidersortiments. «Meine Morgenroutine», meint Friederike Schulz und hängt eine heruntergefallene Bluse zurück an den Bügel. Bei der Eröffnung vor bald sechs Jahren hatte sie zuerst auf ein Kleiderangebot verzichten wollen. Die Nachfrage entpuppte sich aber als hoch. «Auf die Qualität lege ich grossen Wert, für Fast Fashion gibt es hier keinen Platz,» erklärt sich die Besitzerin den regen Absatz. An den Stangen befindet sich ein Potpourri an Kleidern – von bunt bis klassisch. Der Name des Brockis ist Programm. Nach Abschluss der Inspek­tion stehen wir vor einer sich auftürmenden Ansammlung von allerlei Gegenständen. Eine grosse Korbtruhe, ein Hotel von Playmobil, ein schmuckes Beistelltischchen, Bilderrahmen, ein Seidenschal, Musikboxen und gefühlte tausend Dinge mehr. «Das alles ist erst neu angekommen, noch nicht sortiert und die Preise fehlen noch. Der Korb aber ist bereits reserviert», kommentiert Friederike Schulz den Berg, der direkt vor dem Tresen steht und den Schatzjäger in mir weckt.


Auf zu neuen Welten
Mein Eifer ist der Besitzerin nicht entgangen. Sie lotst mich zu einer Vitrine, deutet auf eine Serie von Gläsern und fragt, ob mir Uranglas ein Begriff sei. Nach meinem Kopfschütteln zückt sie eine UV-Taschenlampe und zündet mit dieser in den Glaskasten. Die Trinkgläser fluoreszieren grün im Licht der Lampe und lassen mich staunen. «Bevor die Gläser bei mir auftauchten, war mir dieser Effekt nicht bekannt. Immer wieder lerne ich hier Neues über die Welt der Gegenstände.» Sie knipst die Lampe aus. Wir wenden uns wieder den Neuankömmlingen zu, prüfen und putzen diese gründlich. Das Säubern nehme einen beachtlichen Teil ihrer Arbeit ein. Auch weil es an Nachschub nicht mangle. Friederike Schulz führt mich nach draussen und öffnet die Ladeklappe des Lieferwagens. Der Innenraum ist gefüllt mit Gegenständen der letzten Wohnungsräumung. Eine solche findet mehrmals im Monat statt. Der Lieferwagen leere sich anschliessend, wenn keine Räumung oder Entrümpelung ansteht, etappenweise. Mit einem Beistelltisch im Griff gehe ich zurück an die Wärme. In der Nähe des Tresens reibe ich das multifunktionale Möbel mit einem feuchten Tuch ab und frage mich, ob ich an diesem Tag noch auf eine Kostbarkeit stossen würde.

Vor dem Tresen wird sortiert, hinter dem Tresen recherchiert.
Vor dem Tresen wird sortiert, hinter dem Tresen recherchiert.

Von Miniaturen und Missverständnissen
«Von Familien, Singles, Studenten und Millionären ist bei meiner Kundschaft alles dabei. Manche suchen nach Seltenheiten, andere nach Pfannen», erklärt Friederike Schulz auf dem Weg in die Möbelabteilung. Ungläubig sichte ich einen antiken Nachtstuhl – in Kindergrösse. Das sei keineswegs ein Ladenhüter. So habe ein zweiter, identischer Stuhl das Brocki bereits wieder verlassen. Er friste nun ein Leben als Blumentopf. «Dieser Tisch aber wurde bereits zweimal verkauft und steht noch immer hier», meint meine Begleitung und deutet auf einen Tisch. Optisch erinnert er an einen langen, massiven Esstisch. Nur: Er ist wesentlich tiefer und eignet sich höchstens für ein Bankett mit Kindergartenkindern. «Bei der Ausschreibung im Internet habe ich explizit auf diesen Umstand hingewiesen. Vergeblich. Der Tisch wurde zweimal gekauft und beim Abholen überrascht als zu tief empfunden.» Dennoch seien die vermeintlichen Käufer keineswegs mit leeren Händen auf dem Brocki gegangen, sondern hätten anderen Stücken ein neues Zuhause gegeben.

Gemeinsam hängen wir einen grossen Spiegel an ein Wandgitter. Teilweise sei es herausfordernd, sperrige und schwere Gegenstände alleine an ihren Ausstellungsplatz zu bewegen. Angestellte habe sie noch nicht. Glücklicherweise seien ihre Freunde und die Kundschaft sehr hilfsbereit.

Die Welt der Gegenstände: Unzählige Geschichten finden den Weg nach Steinhausen.
Die Welt der Gegenstände: Unzählige Geschichten finden den Weg nach Steinhausen.

Das Hotel der Dinge
«Tatsächlich ist es verlockend, Besonderheiten in meine Wohnung zu nehmen», gesteht Friederike Schulz. Um einer überfüllten Wohnung vorzubeugen, habe sie eine einfache Regel mit sich vereinbart: Kommt ein Gegenstand in die Wohnung, geht ein anderer den Weg ins Brocki. Und obwohl das Brocki mit seinen fast 400 Quadratmetern tonnenweise Material Platz bietet, so scheint die Besitzerin sich nicht an Materielles zu klammern. «Nur diese Schneekugel und der orientalische Spiegel hinter dem Tresen werden das Lokal wohl nie verlassen», präzisiert die gelernte Hotelfachfrau. Für das restliche Allerlei wird es ein Aufenthalt auf Zeit sein – das Brocki als Hotel der Dinge sozusagen. Oder wie lässt sich der Werdegang von der Hotelfachfrau zur Brocki-Besitzerin erklären? «Bereits als ich in der Hotel- und Immobilienbranche tätig war, zog ich mit einem Fundus von Flohmarkt zu Flohmarkt. Der Fundus und der Wunsch nach einem eigenen Brocki wuchsen im Gleichschritt.» Bis sie im Jahr 2020, inmitten der Pandemie, den Schritt wagte und das Einzelstück eröffnete.

Von der Hotelfachfrau zur Brocki-Besitzerin: Friederike Schulz
Von der Hotelfachfrau zur Brocki-Besitzerin: Friederike Schulz
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Der richtige Riecher
Wir mustern die Ansammlung vor dem Tresen. Der Berg scheint nicht kleiner als vorher. «Es gibt hin und wieder Momente, da erschlägt es mich fast», resümiert Friederike Schulz. Für diesen Fall habe sie einen Trick: Sie ziehe sich für eine Weile hinter den Tresen zurück und kümmere sich um die Internetpräsenz. Oder recherchiere über Gegenstände, um deren Preise zu ermitteln. Die Recherche bringe immer wieder Unerwartetes zutage. Und mit den Jahren habe sie ein Auge für bescheiden anmutende Besonderheiten entwickelt. «Der Beistelltisch sieht beispielsweise sehr speziell aus. Gerne überlasse ich dir die Recherche.» Sie nickt in Richtung des Möbels, das ich vorhin geputzt hatte. Nach wenigen Klicks im Netz habe ich Gewissheit: Es ist ein Caruelle-Tisch von Embru,
einem Schweizer Designklassiker. Der Neupreis beträgt satte 1980 Franken. Übereifrig poliere ich das wertvolle Kunststück ein zweites Mal und teile der Brocki-Besit­zerin meine erfreuliche Entdeckung mit. Gleichzeitig musste ich zugeben, dass mir diese Perle wohl durch die Lappen gegangen wäre. Um den Riecher von Friederike Schulz zu entwickeln, braucht es eben doch einige Jahre im Hotel der Dinge, wo Alltägliches und Seltenes für unbestimmte Zeit verweilen.

Einzelstück Brocki
Chollerstrasse 23
6312 Steinhausen
einzelstueck-brocki.ch

Öffnungszeiten:
Dienstag–Freitag 10.00–17.30 Uhr
Samstag 10.00–16.00 Uhr

Anfragen für Räumungen: 
076 404 96 66

Das Einzelstück Brocki ist auch ein Ort der Begegnung.
Das Einzelstück Brocki ist auch ein Ort der Begegnung.
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