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Eine Bühnenära endet
Der letzte Vorhang für Veri

Gut möglich, dass in der Kabarettszene vermehrt die Korken knallen. Das Weltgeschehen liefert zurzeit Absurditäten und Skurriles à discrétion. Unmöglich, als Kabarettist zu diesem Zeitpunkt von der Bühne abzutreten. Veri – der scharfzüngige Gemeindearbeiter mit Schiebermütze – tut aber genau dies und seziert in seinem 19. Rückblick ein letztes Jahr. Warum zieht der Luzerner nach über 20 Jahren Rampenlicht einen Schlussstrich –und wie stehen die Chancen auf ein Comeback? Der Chomer Bär hat Thomas Lötscher, den Menschen hinter der Bühnenfigur in Malters getroffen.


Der letzte Vorhang für Veri

Eine seltene Spezies
Mit dem Mobiltelefon am Ohr winkt uns Thomas Lötscher in das Sääli des Restaurant Bahnhof. Er legt auf, begrüsst uns und verspricht, den Flugmodus einzuschalten. «Mein Festnetz funktioniert nicht mehr. Nun werde ich vom Support munter durchgereicht – obwohl der Beweis naheliegt: Einfach kurz die Nummer wählen.» Die Schilderung von Thomas Lötscher klingt nach einer klassischen Veri-Szene. Den Weg in ein Programm wird sie aber mit Sicherheit nicht finden. Thomas Lötscher hat sich entschieden, dem Rentenalter entsprechend, in den Ruhestand zu treten. Ein Blick auf den dichten Tourneeplan und die vielen ausverkauften Aufführungen zeigt: Nötig wäre das nicht. Auch wenn Veri als Figur aus der Zeit zu fallen scheint, versteht er es bis heute, unzähligen Menschen Lacher abzujagen. «Früher gab es die Veris – diese Sorte von Leuten – viel öfters. Eine Lehre blieb ihnen verwehrt, trotz ihrer Intelligenz. In der Beiz lasen sie die NZZ und wussten, was in der Welt los war.» Die vollen Ränge mit Nostalgiehunger zu erklären, greift dennoch zu kurz. Vielmehr sind es die abenteuerlichen Erzählfäden und die liebevolle Naivität, die Veri beim Publikum beliebt machen. Thomas Lötscher relativiert: «Veri-Fan zu sein, ist nicht opportun. Geblufft wird mit diesen Tickets im Internet nicht.»

Das Ventil Veri
Thomas Lötscher hätte keinen Grund bescheiden zu sein: Auftritte am Arosa Humorfestival, Nomination für den Swiss Comedy Award, Gewinn des Reinheimer Satirelöwe und der Silbernen Tuttlinger Krähe. Der Kabarettist wirkt geerdet und getrieben zugleich. Warum der Schlusspunkt? «Weil alles gesagt ist. Und ich spüre eine Müdigkeit, das Alter meldet sich. Gleichzeitig möchte ich Neues lernen. Beispielsweise einen Cartoon aufs Papier bringen – weil Zeichnen kann ich nicht.» Unwahrscheinlich also, Thomas Lötscher bald im Liegestuhl auf den Bahamas anzutreffen. Was aber treibt den Kabarettisten an – unabhängig ob auf oder neben der Bühne? «Mein Gerechtigkeitssinn ist ausgeprägt. Seit jeher habe ich diese Art in mir, zu schauen, dass Menschen nicht über den Tisch gezogen werden. Veri wurde diesbezüglich zu einem Ventil. Diese Figur eröffnet mir neue Möglichkeiten, Unrecht träf anzusprechen.» Auf der Bühne nennt Veri die Dinge – und Politikerinnen und Politiker – beim Namen. «Hinterher diskutiere ich teils mit den schärfsten Parteisoldaten darüber, was Veri gesagt hat. Nicht als Veri, sondern als Thomas Lötscher.»

Was verschwindet und was bleibt
Für ausreichend Gesprächsstoff ist auch heuer gesorgt. Und wenn der Kabarettist am 2. Januar 2026 ein letztes Mal im Lorzensaal auf der Bühne steht, wird wie gewohnt mit lokalen Bezügen nachgewürzt. Was dem Luzerner von Zug in Erinnerungen bleibt? «Wie Menschen in diesem Kanton noch immer davon träumen, dass es irgendwann wieder so wird wie früher – wie sich im Café alle kennen. Aber das ist vorbei.» Thomas Lötscher lacht und schiebt nach: «Und natürlich wie die Zuger Polizei Priorität setzte und ein eigenes Tanzvideo zum viralen Hit «Jerusalema» produzierte.» Zweifellos geht mit Veri ein Chronist verloren, der sich durch unzählige Tageszeitungen wühlt und Brücken von lokalen Ereignissen in ein Programm schlägt. Mit seinem Abgang verschwindet aber auch ein ganzer Kosmos an Figuren: Kevin, der junge Typ, der googelnd die Welt erklärt. Schosi, die mit Veri das Schulhaus putzt und ihm in der Not auch ein frisches Hemd besorgen würde. Bärti Meier, der unten durch ist, weil er Veris Neffen nicht mag. Und nicht zu vergessen «am Schorsch sin Dings», eine Bezeichnung für allerlei Charaktere. Sie alle tragen seit Jahren dazu bei, dass sich das Publikum wie in einer Sitcom fühlt.

Lichterlöschen
Trotz einem sich treuen Veri: Das letzte Programm unterscheidet sich von allen bisherigen. «Teilweise bin ich näher am Kabarettisten Thomas Lötscher, als an der Figur Veri. Und es werden Klassiker aus den vergangenen Jahren eingebaut.» Es sind Nummern, die nie zu enden scheinen – weil der Erzähler abschweift und aus dem Nichts nochmals einen draufsetzt. Wann aber ist ein Witz für Thomas Lötscher fertig? Der Kabarettist überlegt lange. «Ein klares Ende gibt es für mich nicht. Ich finde es interessant, wenn dem Publikum immer wieder ein neuer Aspekt geliefert wird.» Kein klares Ende? Etwas Hoffnung keimt auf: Gibt es vielleicht ein Comeback von Veri – so wie das viele Bühnenmenschen zu tun pflegen? Thomas Lötscher winkt ab. «Auch wenn ich wehmütig bin: ausgeschlossen». Oder wie es Veri einst auf der Bühne sagte: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Aber sie stirbt». Licht aus.

 

Veri – «Rück-Blick 2025»
Ein kabarettistisches Resümee
Freitag, 2. Januar 2026, 20.00 Uhr
www.lorzensaal.ch

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