Aus Witz wird ernst
«Auch als Tischdekoration setzte ich diese Skulptur bereits ein», kommentiert Daniel Züsli ein rotes Robidog-Säckchen. Täuschend echt sieht die geschnitzte Variante eines Hundekotbeutels aus – am Strassenrand liegend, wäre sie auf den ersten Blick ein Ärgernis. Im Atelier des Holzbildhauers hingegen fristet sie ein eher unauffälliges Dasein. Unzählige Arbeiten lagern in diesem Raum und lassen die Augen unaufhörlich schweifen. Sie zeugen von einer immensen Schaffenskraft und geben Hinweise auf das Denken ihres Erfinders. «Ein Witz hilft, in eine Betrachtung zu kommen. Das geschnitzte Robidog-Säckchen jagt Menschen vielleicht ein Schmunzeln ab. Oder lässt sie fragen: Warum macht das ein Mensch? Hier entsteht im besten Fall ein Dialog.» Vorausgesetzt, die Menschen erkennen eine Holzskulptur und lassen sich nicht täuschen. «Grundsätzlich ist es ein ziemlich teurer Witz», meint Daniel Züsli mit Blick auf den Entstehungsprozess. Wie sich Holz in seiner Form wandelt, will er mir an diesem Morgen zeigen. Allerdings erst, nachdem ich Helm und Schnittschutzhose angezogen habe. «Das Raffinierte an dieser Hose: Beim Kontakt mit der Motorsäge werden Fasern herausgerissen. Diese blockieren die Kette abrupt.» Kein Witz, jetzt wird es ernst.
Plan B benötigt
Draussen, auf einem Brückenwagen stapelt sich ein gefällter Kirschbaum in seinen Einzelteilen. Daniel Züsli entscheidet sich für einen Holzabschnitt mit wenig Ästen. Aus diesem Stück soll nun eine Kerze entstehen. Mit einer Figurenschraube – im Grunde eine überdimensionierte Schraube – wird das Holz auf dem Werktisch fixiert. Ein letzter Kontrollgang um den Arbeitsplatz, ob nichts im Weg steht. «Eher verletzte ich mich an einem Küchenmesser als beim Schnitzen im Atelier. Oder wenn ich nicht aufgeräumt habe.» Mit einem dicken Filzstift skizziert Daniel Züsli die Grösse der Kerzenflamme auf das Holz. Der Gehörschutz wird aufgesetzt und die Motorsäge bahnt sich ihren Weg. Ziel ist es, am oberen Teil eine Art Quader auszusägen. Mit Präzision führt der Bildhauer das laute Werkzeug und zerlegt die Vorstellung, eine Kettensäge sei nur fürs Grobe zuständig. Wie anspruchsvoll dieses exakte Sägen ist, realisiere ich mit der Motorsäge in meinen Händen. Der Tisch ruckelt, als ich auf das Holzstück treffe und trotz hoher Konzentration einen zu tiefen Schnitt setze. «In der Bildhauerei arbeiten wir immer mit einem Plan B», beruhigt mein Lehrmeister. «In diesem Fall setzen wir die Flamme ein bisschen tiefer. Wir sägen daher auf allen Seiten nochmals.» Breitwillig händige ich die Kettensäge aus. Mein Plan B an diesem Tag heisst Daniel Züsli.
Die Vergänglichkeit als Mehrwert
Auf dem rohen Stamm wirkt der ausgeschnittene Würfel wie aufgesetzt. «Oft lösen Menschen Probleme mit Hinzufügen. Als Bildhauer ist es genau umgekehrt», sinniert Daniel Züsli, während er eine Flammenform auf den hellen Holzblock zeichnet. Trotz vieler fliegender Späne: Am Ende bleibt immer Material übrig, das Spuren hinterlässt. Ein übergrosses Zündholz bei der Bahnlinie, zwei Ruderer beim Ruderhäuschen und drei schwimmende Köpfe in der Badi Hirsgarten. Seit Jahren prägen sie das Ortsbild von Cham und laden zum genaueren Betrachten ein. Es wird offensichtlich: Die Witterung gibt den Skulpturen ein Ablaufdatum. Bedauerlich? Mein Gegenüber winkt ab. «Die Vergänglichkeit von Holzskulpturen ist ein Mehrwert. Sie verkommen nicht zu einer Wertanlage im öffentlichen Raum, sondern müssen nach spätestens 25 Jahren neu verhandelt werden.» Die Menschen würden die Möglichkeit erhalten, sich bei der Gestaltung ihrer Umgebung einzubringen. Das Verlottern diene so letztlich der Demokratie. Daniel Züsli drückt mir die Kettensäge in die Hand und erklärt, wie ich bei der Flamme von unten nach oben sägen kann.
Vom Abzweigen und Aufhören
Die Kerze nimmt Form an und das Schnitzmesser tritt in Aktion. Das scharfe Gerät lässt das Kirschholz weich erscheinen und macht die Oberfläche glatt. «Nach meiner Schreinerlehre plante ich, mit dem Fahrrad um das Mittelmeer zu fahren, und bin letztlich anders abgebogen», beschreibt Daniel Züsli seinen Weg an die Schnätzi, die Schule für Holzbildhauerei in Brienz. Nach drei Jahren Ausbildung zog es ihn auf Wanderschaft. Unterwegs lernte er Menschen aus der Bildhauerei kennen und sammelte bei diesen Erfahrungen. So vergingen vier Jahre, bis er auf dem Heimweg beim Heiligkreuz vorbeikam. «Beim Ortsschild buddelte ich meine Schnapsflasche aus, die ich zu Beginn meiner Reise vergraben hatte. Ein Umtrunk auf dem nahe gelegenen Bauernhof folgte. Und am gleichen Abend ergab sich die Gelegenheit, an diesem Ort ein Atelier zu beziehen.» Das war vor zehn Jahren. Grund genug, heuer ein Jubiläum zu feiern – mit Ausstellung in einem zusätzlichen Raum. «Ein Betriebswirtschafter würde wohl kommentieren: Es ist Zeit, aufzuhören. Und er hätte wohl recht. Betriebswirtschaftlich macht meine Arbeit keinen Sinn.» Er deutet auf das rohe Holz, das um uns herum lagert. «Aber solange hier Material liegt, kann ich tätig sein.» Alles urplötzlich beiseitezulegen, um mit einem neuen Holzblock zu beginnen, entspreche ihm nicht. Weder als Holzbildhauer noch als Mensch.
Kein Ende in Sicht
Vor kurzer Zeit noch eckig, hat die Flamme in eine organische Form gefunden. Im tiefsten Gang schleife ich mit einem Winkelschleifer die Oberfläche. Aufzuhören wird schwierig sein, realisiere ich. Ständig erkenne ich noch eine Möglichkeit, das Holz zu bearbeiten. «Mit einer Kerbe hier erscheint die Flamme noch dynamischer», wirft Daniel Züsli ein und setzt mit dem Schnitzmesser an. Nochmals wird geschliffen und poliert. Dann ist sie fertig, die Geburtstagskerze für das Jubiläum. Beim Aufräumen und Wischen im Anschluss lauert wiederum ein Witz: Die Stile zahlreicher Besen hat der Bildhauer in Ketten verwandelt. Mit flexiblen Stilen einen Boden zu säubern, ein Ding der Unmöglichkeit. «Der Bauer hat mit diesem Besen auch Bildhauerei betrieben.» Daniel Züsli deutet auf die abgewetzten Borsten. «Nur mit einem anderen Ziel: die Strasse sauber zu halten. Insofern sehen wir hier die Spuren von zwei Arbeitsalltagen.» Etwas versteckt findet sich ein Besen, mit dem der Boden von den Spänen befreit werden kann. Für mich als Beobachter ist Schluss. Für Daniel Züsli noch lange nicht. «Fertig werde ich nie sein. Jede Skulptur lässt mich gefühlt hundert Abzweigungen nehmen. Hundert Abzweigungen, die als Inspiration für die nächste Arbeit dienen. Im Idealfall ist die letzte Skulptur, bevor ich tot umfalle, eine gute.»