Urs Ambühl ist seit 16 Jahren bei der Zuger Baudirektion für den Gewässerunterhalt zuständig. Dazu gehören alle öffentlichen Gewässer, wie auch der Zugersee. Kein Beruf, für den es eine vorgegebene Ausbildung gibt. Er machte die Lehre als Tiefbauzeichner und eine Zusatzlehre als Strassenbauer sowie eine Weiterbildung zum Bauführer. Mehrere Jahre arbeitete er bei verschiedenen Unternehmen als Bauführer und leitete viele Tiefbauprojekte – darunter auch Projekte im Wasserbau, wie Bachverbauungen. Später war er bei der Gemeinde Baar Werkmeister, bevor er zum Kanton wechselte.
Mit seinen vier hölzernen Wehrtafeln, den groben, eisernen Zahnrädern und dem Gestänge wirkt das Wehr wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Doch was steckt dahinter?
Urs Dieser Eindruck ist nicht falsch. Das Wehr, wie wir es heute kennen, wurde 1943 gebaut und 2002 saniert. Doch der Zugersee wird schon seit dem 16. Jahrhundert reguliert. 1592 wurde das Flussbett der Lorze um 1,7 Meter abgesenkt, damit die Verkehrswege zwischen Zürich und Luzern via Zug auch im Frühling trocken blieben.
Das sind schon über vier Jahrhunderte, in denen der Zugersee reguliert wird. Dennoch ist er bis heute bekannt für den schlechten Durchfluss. Müsste das Wehr nicht mehr bringen?
Urs Der Zugersee ist ein typischer Voralpensee. Zwischen der Rigi und dem Rossberg fällt die Landschaft steil ab, was unter dem Wasser weitergeht. Zwischen Cham und Zug ist das Gelände von Flachmooren geprägt. Aufgrund dieser Topografie fliesst nur begrenzt Wasser zur Lorze raus. Zudem lässt die Lorze selbst nicht mehr Wasser durch. Wären alle Wehrtafeln offen, würde pro Sekunde höchstens 8,2 Kubikmeter Wasser fliessen. Das ist nicht viel.
Ist das Wehr denn überhaupt nötig?
Urs Ja, durchaus. Wir stellen damit einerseits sicher, dass der Seepegel über alle Jahreszeiten möglichst konstant bleibt. Andererseits sorgen wir dafür, dass im Frauenthal ans Wasser angrenzende Felder oder das Kloster nicht überschwemmt werden. Auch für die Stromerzeuger entlang der Lorze wie das Papieri-Areal, das Hammer-Gut oder die WWZ ist ein konstanter Wasserfluss wichtig.
Wie entscheidest du, ob du mehr oder weniger Wasser durchlässt?
Urs Das ist in einem internen Reglement geregelt und hängt vor allem vom Wasserstand ab. In Zug wird laufend der Wasserspiegel vom Zugersee gemessen. Ich prüfe diese Messwerte täglich und halte sie auch für weitere Vergleiche fest. Werden bestimmte Werte erreicht oder überschritten, greife ich ein. Dabei nehme ich gemäss dem Reglement auch Rücksicht auf langfristige Wettervorhersagen.
«Ich muss nicht jeden Tag jeden Bach sehen.
So schnell verändert sich eine Landschaft nicht.»
Wie entscheidest du, welche Tafel du öffnest?
Urs Vom Kiesplatz aus gesehen, ist meistens die zweite Tafel offen. Das dient sowohl dem Fischerverein als auch dem Ruderclub. Die Motorboote der Fischer zieht es beim Abfahren nicht gleich runter und die Ruderer nutzen die Strömung, um wieder an den Steg zu kommen.
Kannst du das Wehr auch automatisch vom Büro aus steuern?
Urs Nein, das geht nur vor Ort. Bevor ich eine Wehrtafel bediene, prüfe ich die Umgebung. Ich stelle sicher, dass keine Boote, Stand-up-Paddler oder Schwimmer da sind. Auch Schwemmholz oder Ähnliches entferne ich, bevor ich etwas verstelle. Ich richte mich so ein, dass ich vor Ort bin, wenn sowieso wenig Leute unterwegs sind.
Und dann?
Urs Nachdem ich die Sicherung eingeschaltet habe, steige ich auf das Wehr und kontrolliere nochmals die Umgebung. Die Wehrtafel kann ich nur von da aus bedienen, denn alle Tafeln sind zusätzlich mit einer Kette gesichert. Zum Glück sind inzwischen drei der Tafeln elektrisch, damit geht alles etwas einfacher. Die vierte Wehrtafel kann nur von Hand bedient werden. Dann muss ich rund 20 Minuten kurbeln.
Du kümmerst dich kaum nur um das Wehr in Cham. Was gehört sonst noch zu deinen Aufgaben?
Urs Ich garantiere den Hochwasserschutz der öffentlichen Gewässer im Kanton Zug. Dazu gehören unter anderem die Obere und die Untere Lorze oder die Reuss. Ich kontrolliere regelmässig die Verbauungen und kümmere mich bei Beschädigungen um die Reparatur. Ich bin aber auch für den Unterhalt des Gehölzes oder der Neophyten entlang der Gewässer zuständig.
Das ist ganz schön abwechslungsreich und du kommst viel im Kanton herum.
Urs Das stimmt. Aber ich muss nicht jeden Tag jeden Bach sehen. So schnell verändert sich eine Landschaft nicht. Meistens mache ich etwa alle zwei Monate eine Rundtour. Bei Hochwasser ist es etwas anders, da muss ich prüfen, ob es keine Stauungen durch umgefallene Bäume gibt, und diese dann allenfalls wegräumen lassen. Es ist eine schöne Arbeit, die ich sehr gerne mache.
Wie wird das Wehr in Cham bedient?
1. Wasserstand prüfen
Jeden Tag prüft Urs den Wasserstand des Zugersees. Die Daten liefert die Messstation in Zug automatisch an das Bundesamt für Umwelt und sie sind auf der Website hydrodaten.admin.ch einsehbar. Urs hält die Daten für weitere Vergleiche fest.
2. Vor Ort die Situation kontrollieren
Urs schaltet zuerst die Sicherung ein und prüft die Umgebung. Wenn nichts im Weg ist, steigt er auf das Wehr, löst die Sicherungskette und bedient die Wehrtafeln.
3. Wehr bedienen
Ob der Durchfluss der Lorze angepasst werden muss, entscheidet Urs gemäss dem internen Reglement. Die Wehrtafeln kann er nur vor Ort verstellen – denn einerseits ist das Wehr nicht ferngesteuert und andererseits muss er vor Ort sicherstellen, dass eine Bedienung sicher ist.
4. Ausnahmezustand Hochwasser
Im seltenen Fall, dass der Zugersee extrem viel Wasser führt und alle vier Wehrtafeln geöffnet werden müssen, muss Urs die vierte und letzte Tafel öffnen. Diese lässt sich nur von Hand bedienen. Dank des ausgeklügelten Mechanismus ist das zwar nicht besonders anstrengend, aber es bedeutet trotzdem rund 20 Minuten kurbeln.
5. Sanierungen oder Reparaturen koordinieren
Damit der alte Mechanismus sauber läuft, werden die Zahnräder jährlich geschmiert. Urs lässt die Tafeln hoch und runter, die Kollegen vom Strassenunterhalt schmieren. Auch das Holz wird regelmässig kontrolliert und muss alle paar Jahre ersetzt werden.