Strassenschilder, Anzeigetafeln, WhatsApp-Nachrichten: Unsere Welt ist visuell überladen. Für Edith Sidler, die fast nichts sieht, ist das eine tägliche Herausforderung. Sie lebt mit Retinitis pigmentosa, einer seltenen Krankheit der Netzhaut. Und sie meistert ihren Alltag – mit Hilfe. «Die Leute helfen gerne und es tut allen gut, Hilfe zu leisten», sagt sie. Auch wenn sie das ungern zugibt.
An vorderster Front steht die Familie: Ehemann Magnus und die beiden Söhne. Der Alltag mit Kindern ist bekanntlich alles andere als geordnet. Schulinfos zu Schwimmunterricht oder Jahreswanderungen flattern chaotisch in einen ohnehin vollen Tag. Für Edith ist das mehr als nur die übliche Znüni-und-Regenkleider-Koordination. Als Blinde kann sie die Elternbriefe nicht lesen – nicht einmal überfliegen «Eine App liest mir alles vor. Inzwischen können auch die Kinder lesen, aber ich muss mir alles merken. Notizen kann ich mir keine machen.»
Durchblick im Alltag
Auch die Cervelats für den Waldmorgen müssen rechtzeitig organisiert sein. «Kurz etwas Vergessenes einkaufen geht bei mir nicht. Schon der normale Strassenverkehr ist zu gefährlich, wenn ich allein unterwegs bin.» Bis etwa 25 Jahre fuhr Edith noch Velo. «Mit einem Sehvermögen von rund 20 Prozent ging das mit enormer Konzentration gerade noch.». Diese kleine Selbstständigkeit musste sie aufgeben. Alles braucht Planung und oft auch Unterstützung – der Aufwand ist dreifach. Ihre Söhne lernten früh, ihre Sachen selbst zu packen und mitzudenken, falls doch etwas fehlt.
«Es war mir schon immer wichtig, möglichst viel alleine zu machen.»
Ausblick mit Freude
Heute versteht sich Edith als Botschafterin. «Es gibt vieles, das ich gerne früher gewusst hätte – und genau das möchte ich teilen.» Manchmal sind es einfache Lifehacks: Wie räumt man den Kleiderschrank ein, wenn man nichts sieht? Wie füttert man ein Baby, ohne den Löffel im Blick zu haben? Doch für Edith geht es um mehr: «Ich möchte Verständnis schaffen.» Denn jeder Kontakt mit einer sehbehinderten Person baut Barrieren ab. «Ich engagiere mich in zahlreichen Vereinen und Kommissionen; noch nie fühlte ich mich ausgeschlossen. Im Gegenteil, gegenseitige Rücksichtnahme schweisst Gruppen zusammen.» Gemeinsam mit Jacqueline Egger hat sie deshalb den Podcast ImBLINDPUNKT lanciert.
Lichtblick mit Zukunft
«Das ich inzwischen quasi nichts mehr sehe, hat mich stark mitgenommen. Ich versuche, es als Abschied anzuschauen – wenn auch ein schwerer.» Wenn Edith zwischendurch mit sich und ihrem Schicksal hadert, merkt man das kaum. Sie ist eine aufgestellte, gut organisierte und kreative Familienmutter. «Es war mir schon immer wichtig, möglichst viel allein zu machen.» Ein Moto, dem sie alle Ehre macht – als Mutter, Gestalterin oder Podcasterin. Und nun auch als Rednerin auf der Bühne im Hirsgarten, Mikrofon in der Hand, 1.-August-Rede im Kopf. Weil sie sich nicht scheut, Neues zu wagen.
Edith Sidler wünscht sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Fränzi Hausheer.