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Der Bärenaufbinder
Fünfter Fall: Glücks- oder Geldbringer


Fünfter Fall:  Glücks- oder Geldbringer

An dem Tag, als der Sohn von Bob Marley nach Zug kam, liess der Küchenchef des Gastlokals nichts anbrennen: Er quittierte seinen Dienst früher als sonst und stellte sich in die vorderste Reihe. Nicht er habe den Künstler an diesem Abend verköstigt, sondern die verbliebene Küchenbrigade. Es entspreche somit der Wahrheit, dass unter seinem Ahornbaum Dreadlocks vergraben sind. Der gross gewachsene Chomer hatte mich nicht täuschen können. Zufrieden machte ich mich auf den Heimweg und spielte mit dem Gedanken, beim nächsten Coiffeurbesuch nach Haaren für mein Gemüsebeet zu fragen.

Wochen später schnüffelte ich nach frischen Anekdoten. Zuerst aber witterte ich den Geruch von Fahrradreifen und Schmiermittel. Die Fahrradmechanikerin im ehemaligen Lagerhaus nahm mich in Empfang und führte mich in den oberen Stock. Zwischen Leinwänden machte sie mich mit einer Künstlerin bekannt und verschwand. Wie sich herausstellte, passte dieser kleine Umweg gut zu meiner neuen Bekanntschaft. Aus Deutschland via Ibiza nach Hawaii und über Indien in die Schweiz. So oder ähnlich liessen sich die geografischen Wendungen meines Gegenübers skizzieren. Ich erahnte eine Familienpackung Anekdoten und fragte die Künstlerin nach zwei davon. Diese aber meinte, sie halte sich nicht für eine versierte Erzählerin. Ihre Annahme konterte ich mit Joseph Beuys’ und meiner saloppen Eigeninterpretation: Jeder Mensch ist ein Erzähler. Ein Treffer. Die Künstlerin lachte und begann von einem Werk mit dem Titel «Die Inderin» zu erzählen. Es entstand im Auftrag eines arabischen Scheichs und war sowohl arbeits- als auch kostenintensiv. Mehrere Monate verbrachte sie vor der Leinwand, verwendete Farbe, Spachtelmasse, Blattgold und eine beachtliche Anzahl Swarovskisteine. Immer wieder meldete sich der Auftraggeber und betonte, das Werk erst nach seiner Fertigstellung sehen zu wollen. Nach einem halben Jahr sagte er am Telefon, er müsse nach Abu Dhabi und tauchte unter. Die geprellte Künstlerin kippte aus Wut eimerweise Farbe auf das Bild und riss alle Swarovski-Steine herunter – bis auf einen. Was mit dem Bild anschliessend passierte, fragte ich. Hierzu habe sie zwei Ver-sionen. Eine davon stimme, die andere sei frei erfunden: 

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Anekdote 1

Der Wutausbruch entpuppte sich als Glücksfall. Mit ihrem intuitiven Einwirken auf das Werk habe sie es erst vollendet. Seither sehe sie «Die Inderin» als Glücksbringer. In keiner Ausstellung habe das Bild fehlen dürfen und sei über Jahre unverkäuflich gewesen. 

Anekdote 2

Eine Besucherin entdeckte das besagte Werk an einer Ausstellung. Sie erkannte im Gesicht der Inderin ihre eigene Tochter, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Keine Sekunde habe die Besucherin gezögert und das Bild gekauft. 

Mein Blick schweifte durch das Atelier. Keines der Werke passte zur Beschreibung. «Aber es existiert?», hakte ich nach. Die Künstlerin bejahte und meinte, sie habe ein externes Lager. Würde sie tatsächlich einen Glücksbringer an einem dunklen Ort aufbewahren? Zudem erschien es mir umständlich, das Werk für jede Ausstellung in diesem Lager abzuholen. Andererseits dünkte mich die Geschichte mit der Käuferin verdächtig rund. Fast zu schön, um wahr zu sein. Ich wog die Erzählungen gegeneinander ab und war mir auf einen Schlag sicher. Ich tippte. Und lag daneben. Immerhin erwies sich meine Eigeninterpretation von Joseph Beuys als treffend: Jeder Mensch ist ein Erzähler. Die Künstlerin hatte es mir bewiesen. 

Was denken Sie? Bei welcher Anekdote wurde geflunkert? Die Auflösung finden Sie in der nächsten Ausgabe.