Im Feuerwehrgebäude an der Sinserstrasse schüttle ich zunächst Dutzende Hände. Viele von Handwerkern, aber auch ein paar Bürohände sind dabei. Ob ich mir all die Namen merken kann, wird sich zeigen. Darunter befinden sich auch Lukas «Luki» Birrer, Chef Atemschutz, welcher die Übung leitet, sein Bruder Andreas «Rees» Birrer, Quartiermeister, Simon Meisser, Materialwart, und nicht zuletzt auch Roman Schuler, der Kommandant der Feuerwehr Cham. Die Stimmung ist gelöst, die Mannschaft freut sich sichtlich aufs Wiedersehen und die bevorstehende Übung.
In Vollmontur
Es geht los. Luki orientiert die Atemschützler über den Ablauf der heutigen Übung. Es werden noch die letzten Ausrüstungsteile angezogen und los geht’s mit den Feuerwehrfahrzeugen Villette 2 und 7. Während die Atemschützler in die Übung starten, werde ich im oberen Stockwerk des Feuerwehrgebäudes eingekleidet. Hosen, Jacke, Stiefel, Helm, Handschuhe. Schön warm ist es in der Kluft. Für meinen Besuch hat Simon sogar Namensetiketten mit Klett anfertigen lassen. Hose, Jacke und Helm tragen nun meinen Namen. An meiner Brandschutzjacke hängt ein rotes Schild, das mich als nicht einsatztauglich markiert. Erst nach zwei Jahren Ausbildung würde ich ein gelbes Schild tragen und bei echten Einsätzen als Atemschützler tätig sein.
In der Fahrzeughalle folgt der zweite Schritt. Meine Ausrüstung wird ergänzt durch ein Atemschutzgerät mit Atemluftflasche und Atemschutzmaske, Taschenlampe, Funkgerät sowie Hupe. Bis alles sitzt, dauert es einige Minuten. Alles in allem fühlt es sich ziemlich ähnlich an wie im Militär mit Grundtrageinheit, Helm und Waffe auf dem Rücken, einfach deutlich schwitziger. Mit der sperrigen Ausrüstung ist es erstaunlich schwer, nirgendwo anzuecken. Die Bewegungsabläufe darin wollen gelernt sein. Über Funk kommen nun laufend Meldungen rein, die ich kaum verstehe. Roman und Rees werfen sich innert Sekunden in ihre Rüstung. Endlich sind wir bereit und fahren mit dem Fahrzeug Villette 6 zum Übungsplatz beim Ökihof.
Die Grenadiere der Feuerwehr
Die Atemschützler könnte man als Grenadiere der Feuerwehr bezeichnen, wobei dieser Vergleich ein bisschen unfair ist, denn in der Feuerwehr ist für einen reibungslosen Ablauf und erfolgreichen Einsatz jede Funktion genau gleich wichtig. Mit Maske und Flasche können sie für die Brandbekämpfung ohne Verbrennungen und Lungenschäden in brennende Gebäude eindringen. Sie löschen jedoch nicht nur Brände, sondern kommen überall dort zum Einsatz, wo der menschlichen Körper ohne das Atemschutzgerät nicht überleben würde. So gehört beispielsweise auch das Suchen, Finden und Retten von Personen und Tieren in mit Rauch oder Gas kontaminierter Umgebung zum Aufgabengebiet. Wie die anderen Fachdienste, bestehend aus Motorwagen-, Pionier-, Sanitäts-, Verkehrs- und Elektrodienst, sind auch die Atemschützler fix einem von drei Zügen zugeordnet.
Beim Ökihof zeigt mir Roman das voll ausgerüstete Tanklöschfahrzeug (TLF). Hunderte Meter Schläuche, ein Stromaggregat, Lüfter, Atemluftflaschen, ganz wichtig: ein Harass mit erfrischenden Getränken und vielem mehr. Roman erklärt mir die Wichtigkeit des Leitungsdienstes, welcher die Wasserleitung zum TLF legt. Denn bei einem «Wasser marsch!» wäre der Tank des Feuerwehrautos ohne Wasserzufuhr innert wenigen Minuten leer.
Posten 1: Kühl bleiben
Beim ersten Posten müssen wir eine Gasflasche neben einem Brandherd sichern und bergen. Dabei gilt es, eine standfeste Haltung einzunehmen, den Wasserstrahl je nach Distanz anzupassen und den Fokus auf das permanente Kühlen der Gasflasche zu legen. In einem sehr heissen, von einem Brand betroffenen Raum muss dieser nicht selten zuerst mit einem breiten Sprühstrahl heruntergekühlt werden, um ein Betreten überhaupt möglich zu machen. Wir umrunden langsam den Brandherd. Der Strahl wird mal breit, dann wieder fokussiert. Obwohl der Schlauch einen verhältnismässig geringen Durchmesser hat, gibt dieser ordentlich Rückstoss. Roman steht direkt hinter mir und gibt Rückhalt. Sobald wir den Brand im Griff haben, entfernt Rees die Gasflasche, während ich sie weiter kühle.
Starke Männer schweigen nicht
Nach einer kurzen Trinkpause frage ich Rees und Roman, wie sie mit psychischem Druck nach schwierigen Einsätzen umgehen. Früher habe man belastende Bilder oft verdrängt, sagt Roman, heute werde offen darüber gesprochen. Das Bild des starken Mannes, der alles wegsteckt, sei überholt. Nach einschneidenden Einsätzen wird gezielt das Gespräch gesucht. Manchmal werden im Nachgang betroffene Personen angerufen, um nachzufragen, wie es einem geht. Zudem besteht die Möglichkeit, professionelle Hilfe aufzubieten.
Schön sei auch, wie die Arbeit von Angehörigen und Bevölkerung wertgeschätzt werde. Die meisten Arbeitgeber stünden voll hinter der Freizeitbeschäftigung ihrer Angestellten und ermöglichten nebst Kursbesuchen die so wichtige Einsatzpräsenz an den Werktagen tagsüber. Frauen gibt es im Atemschutz zwar derzeit keine, bei der Feuerwehr allgemein aber schon. Weibliche Interessenten seien jederzeit willkommen!
Posten 2: Dichter Rauch
In einer Tiefgarage werden wir mit Seilsack und Blindenstock ausgerüstet. Spätestens jetzt wird mir klar, worum es geht. Szenario: vermisste Personen in einem verrauchten Untergeschoss. In der Realität kann man bei starker Rauchentwicklung zum Teil die eigene Hand vor den Augen nicht mehr sehen. Der Blindenstock dient als Hilfsmittel zum Suchen und Finden, das Seil sichert den Rückweg.
Wir kontrollieren gegenseitig Maske und Ausrüstung, klinken uns ins Seil ein und betreten das Untergeschoss. Eine Rauchmaschine vermittelt einen leichten Eindruck davon, wie es im Ernstfall aussehen könnte. Wir halten uns stets rechts, tasten Raum für Raum ab. Schliesslich entdecken wir neben einem Boiler ein kauerndes Kind. Roman spricht beruhigend, während Rees ihm eine Rettungshaube aufsetzt, die für Frischluft sorgt. Mithilfe des Seils finden wir rasch zurück ins Freie und übergeben den Geretteten der Sanität.
Retablieren
Auf dem Rückweg deutet Luki auf eine Gruppe, die gerade die Truppüberwachung übt. Sie ist das Bindeglied zwischen den Atemschutztrupps im Einsatz und der Aussenwelt, immer im Bilde, wo sich die Mannschaft befindet, was sie tut und wie es ihr geht. Auf einem Klemmbrett werden Namen, Flaschendrücke, Einsatzort, -zeit und Auftrag notiert, daneben baumeln die gelben Bändel der Teams. Ein Grossteil der Koordination läuft über Funk.
Zurück im Feuerwehrgebäude, heisst es Ausrüstung retablieren. Die Atemschutzgeräte werden zerlegt, gereinigt, kontrolliert. Atemluftflaschen getauscht, Druck überprüft und alles protokolliert. Während ich noch etwas unbeholfen bin, arbeiten die anderen routiniert und schnell. Auch hier wird zwar konzentriert gearbeitet, aber der eine oder andere Scherz muss sein. Am Ende ist jedes Atemschutzgerät wieder auf dem entsprechenden Fahrzeug verstaut, mit dem grünen Schild nach vorne: «einsatzbereit».
Ab in die Bärenstube
In der Fahrzeughalle läuft die Nachbesprechung: Luki geht die Übung durch, Postenchefs geben Rückmeldungen, künftiges Vorgehen an Einsätzen wird besprochen. Das Kader zieht sich danach für eine detailliertere Nachbesprechung der Übung ins Einsatzbüro zurück, der Rest der Truppe in die Bärenstube, den Aufenthaltsraum der Truppe.
Bei einem Schluck oder zwei lockert sich die Stimmung. Hauptthema ist das bevorstehende Schwingfest. Auf meine Nachfrage nach prägenden Einsätzen fällt immer wieder der Swisspor-Brand von 2007, den nur die Alteingesessenen miterlebt haben. Damals wurden drei Millionen Liter Löschwasser eingesetzt und es dauerte Stunden, bis das Feuer vollständig unter Kontrolle war.
Am mühsamsten seien die Fehlalarme in der Nacht, für die gewisse Immobilien berüchtigt seien und die leider immer wieder vorkämen.
Ein bunter Haufen von Berufsleuten aus allen Schichten sitzt hier zusammen. Man spürt, dass sie gemeinsam schon viel erlebt haben. Neben der intensiven Tätigkeit ist es vor allem diese Kameradschaft, die sie antreibt, ihren Dienst zu leisten.
Fazit
Die Übung war eine grossartige Erfahrung. Überrascht hat mich, wie anstrengend schon wenige Stunden in der Ausrüstung sind. Die Abläufe sind komplex, die Lösungen trotzdem oft erstaunlich pragmatisch. Immer wieder wurde mir bewusst, dass hier für den Ernstfall geübt wird, und dieser tritt häufiger ein, als man denkt. Wer sich künftig der Feuerwehr anschliesst, darf sich auf tonnenweise Action und eine starke Truppe freuen, die auch für dich nachts um drei aus dem Bett springen würde.