Kaum bin ich durch die Tür, werde ich schon von Thomas sehr freundlich begrüsst. Er freut sich sichtlich, auch wenn mein Besuch heute nicht ihm und seiner Gruppe gilt, sondern Naomi Stoffel. Die junge Frau ist Inklusionsbeauftragte des Wohn- und Werkheims Schmetterling, das im September 2022 hier eingezogen ist. Im
Moment läuft auf einem Bildschirm gerade Yoga; einige Klient:innen machen eifrig mit, manche nicht. Es ist ein Angebot – hier ist alles freiwillig.
Ein Raum der Begegnung
Das «hier mit dir» eignet sich für eine vielfältige Nutzung. Dank seiner privilegierten Lage nah am Zentrum, barrierefrei und mit direkter Busverbindung, bietet der rund 100 Quadratmeter grosse Raum den perfekten Rahmen, um Menschen in Kontakt zu bringen. Grundsätzlich ist jeder eingeladen, während der Öffnungszeiten einfach vorbeizuschauen.
Über die Schwelle locken
Zu einem ersten Besuch animiert das Verkaufsangebot in den Wandregalen: Geschenkideen wie Feueranzünder oder Dekorationsartikel aus Holz, die im Atelier selbst gefertigt werden, ausserdem kreative Grusskarten oder feine Dinge zum Geniessen, wie Kräutersalze und Sirup. Und wer schon da ist, kann gleich noch etwas bleiben: auf einen Kaffee und ein Gespräch mit den Menschen, die hier leben und arbeiten.
Manche Passanten erhalten ihre Einladung ganz direkt, denn sie stehen unter Beobachtung: Gemütlich im Ohrensessel sitzend, verfolgen die Klient:innen gern, was auf der Strasse so passiert. Manchmal kommt es zu spontanen Begegnungen mit Wartenden an der Bushaltestelle. «Thomas liebt es, die Menschen persönlich zu begrüssen, er winkt vielen zu. Manchmal geht er auch raus und drückt den Wartenden einen Kaffeegutschein in die Hand», berichtet Naomi Stoffel lachend. Die diplomierte Aktivierungsfachfrau ist im «Schmetterling» zuständig für Inklusion und setzt sich mit Herzblut dafür ein. Seit der Eröffnung haben mehr als 1500 Menschen aus der Bevölkerung für einen längeren Aufenthalt den Weg ins «hier mit dir» gefunden; eine sehr erfreuliche Bilanz.
Inklusion durch Begegnung
Inklusion ist das Herzstück der Begleitung im Wohn- und Werkheim Schmetterling: die Überzeugung, dass jeder Mensch gleichwertiger Teil der Gesellschaft ist, und der Einsatz dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigungen das auch erfahren. Dieses Menschenrecht ist in der UN-
Behindertenrechtskonvention (UNBRK) festgehalten, zu deren Umsetzung sich die Schweiz mit ihrer Unterzeichnung 2014 verpflichtet hat. Für Menschen mit Beeinträchtigungen wird immer wieder neu darum gerungen.
Teilhabe erfahren
Der «Schmetterling» sucht ständig nach neuen Möglichkeiten für seine Klient:innen, auf sinnvolle Weise in die Gesellschaft eingebunden zu werden. Einerseits sollen sie selbst rausgehen können und entsprechend ihren Ressourcen und Fähigkeiten sinnvolle Aufgaben übernehmen. In Zusammenarbeitet mit Gemeinde und lokalen Gewerbetreibenden laufen einige Projekte unter dem Motto «Auf Achse in Cham». Wenn dabei Wertschöpfung, die auch entlohnt wird, und Möglichkeiten zur Begegnung kombiniert werden können, ist ein Projekt besonders erfolgreich.
Verschiedene Auftraggeber
«Wir gehen regelmässig einmal pro Woche ‹fötzeln› im Hirsgarten, neu auch auf dem Pumptrack. Da kommt es immer wieder zu spontanen Kontakten mit Spaziergängern», freut sich Naomi, die mit ihren Arbeitsgrüppli viel ausser Haus unterwegs ist. Dazu gehört auch die monatliche die Plakattour für die Gemeinde oder jeden Donnerstag die Spielzeugausgabe im Städtli-Schulhaus in der Pause.
Für die Ennetseeschreinerei übernehmen die Klient:innen die Wäsche. «Beim Holen und Bringen gibt es immer Begegnungen mit den Mitarbeitenden der Schreinerei.» In zwei Wohnhäusern übernehmen sie
einen Teil des Unterhalts. «Wir sind immer wieder froh, wenn auch Veranstalter uns einladen, sie zu unterstützen, wie neulich am Benevol-Anlass im Lorzensaal an der Garderobe. Oder wir dürfen Kuchen bringen und servieren beim Café Interkulturell der Gemeinde einmal im Monat», zählt Naomi weitere Aufträge auf.
Die andere Seite der Inklusion ist, Räume zu schaffen, in denen Begegnungen von Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten einfach passieren können. Offen aufeinander zugehen hilft, Barrieren abzubauen und voneinander zu lernen. Genau dafür ist das «hier mit dir» perfekt geeignet.
Kunst- und Kulturanlass zu Globi
In den letzten drei Jahren hat sich die Nutzung weiterentwickelt. «In Zusammenarbeit mit insieme Cerebral ist hier ein Ort für Begegnung, Freizeit und Bildung entstanden», berichtet Markus Einsiedler, Geschäftsführer des «Schmetterling». Ein ganz besonderes Highlight für die Klient:innen sind die halböffentlichen Kulturanlässe, die seit 2023 zweimal im Jahr stattfinden. Das Programm entsteht im Zusammenwirken mit den Klient:innen, die auf diese Weise etwas von sich zeigen können.
Im Oktober stand Bewohnerin Monika im Mittelpunkt, die einen neuen Globi-Kalender gestaltet hat. Zu den in Grossformat ausgestellten Kalenderblättern trug ein Teammitglied in bester Globi-Manier gereimte Texte vor, die sie zusammen mit der Klientin zu jedem Bild entwickelt hatten. Das Programm wurde musikalisch umrahmt von Pearl Lüthy, die mit Popsongs auf ihrer Violine das Publikum so mitriss, dass sie es bei der Zugabe zum Tanzen brachte. Die grossartige Stimmung hallte auch beim abschliessenden Apéro mit Gesprächen noch nach.
Nachhaltige Wirkung
«Die Einbindung unserer Klienten in solche Anlässe», erklärt Naomi, «erhöht ihre Selbstwirksamkeit.» Sich selbst wahrnehmen als wichtigen Teil eines Geschehens oder eines Arbeitsprozesses macht stolz und erhöht die Lebensfreude, wie auch das Zutrauen, sich neuen Situationen zu stellen. «Sie sprechen noch sehr lange begeistert davon.»
Das Team tüftelt schon an der nächsten Idee für 2026, die Vorbereitung braucht viel Zeit. Bis dahin kommt aber erst der Winter mit seinem ganz eigenen Charme. Das Wohn- und Werkheim wird wieder am Chamer Weihnachtsmarkt vom 8. Dezember beteiligt sein. Und auch das «hier mit dir» hat zu dieser Saison seinen eigenen Auftritt: Nutzen Sie doch die Gelegenheit und besuchen Sie selbst den dortigen Weihnachtsverkauf. Auf Sie wartet ganz sicher ein freudiger Empfang.
Mehr Infos zu Angeboten unter: