Ein neuer Tag
Frühmorgens empfängt Priorin Sr. Mattia den Gast an der Klosterpforte und begleitet ihn in die Hauskapelle. Über ein Dutzend Schwestern haben sich eingefunden. In den Bänken verteilt, wirken sie in sich gekehrt. Der Gast in der hintersten Reihe bleibt scheinbar unbemerkt. Eine Bewegung lässt die Bank knarren und den Kleidungsstoff leise rauschen. Auf der Liederanzeigetafel stehen grosse, rote Lettern. Die Stille bricht und die Gemeinschaft findet ins Gebet. Eine Klosterschwester setzt auf einem kleinen Keyboard den Grundton, alle anderen stimmen ein. Eine Klosterschwester stellt sich hinter den Ambo, ein Antwortgesang folgt. Verse werden abwechselnd von der linken und der rechten Bankreihe gesprochen. Keinerlei Unsicherheiten, wie der Tag im Kloster beginnt. Zumindest für die Bewohnerinnen. Erst gegen Ende des Morgengebets ist eine Männerstimme aus der hintersten Reihe zu vernehmen – beim Vaterunser.
Vom Wachsen und Gedeihen
Während die Klosterschwestern sich zum Frühstücken zurückziehen, macht Gärtner Peter Bachmann eine Bestandsaufnahme: Radieschen säen, Brombeersträucher hochbinden, Ruten stutzen, den Friedhof bepflanzen – und dem Gast einen tiefen Einblick gewähren. Die Gastfreundschaft, nach der Benediktinerinnen leben, zeichnet auch den weltlichen Angestellten aus. Der Weg ins Gewächshaus führt am sortierten Kräutergarten vorbei und durch ein Gemäuer. Nicht die Anzahl der Schritte bestimmt die Dauer, sondern das Teilen unzähliger Schilderungen des Gärtners: Eine Klosterschwester betreut 11 Bienenvölker, ein Dachs füllte seinen Magen mit Erdbeeren aus dem Folientunnel, während der Tuberkulosejahre wurde eine Dachloggia genutzt und das Alter der Christbäume lässt sich simpel bestimmen. Peter Bachmann begegnet seiner Umgebung mit viel Wertschätzung und erhält diese von den Klosterschwestern zurück, wie er be-
tont. Mit einer mechanischen Sämaschine setzt er in regelmässigen Abständen Radieschen. Hinter den Mauern des Klosters gedeiht die Gewohnheit. Gleichwohl bietet der Nährboden Platz für Neues.
Zwei Welten
In einem Beet wächst Pak Choi, in einem anderen Tatsoi und Chili. Sie zeugen von einer Kontaktpflege weit über die Schweizer Grenzen hinaus. Seit Jahrzehnten weilen immer wieder Schwestern aus einem südkoreanischen Kloster in Cham. Die Chilis essen ausschliesslich die Schwestern aus Korea, kommentiert Peter Bachmann schmunzelnd. Das Wachsen von neuen Pflanzen entpuppt sich als sinnbildlich. Während die Gemeinschaft in Korea Schwestern auszubilden begann, setzte in der hiesigen Realität die Gegenbewegung ein. Wo in den 1960er-Jahren noch über 350 Frauen wohnten, sind es heute weniger als 50. Die Ankunft der koreanischen Schwestern birgt neben neuer Kulinarik eine wichtige Stütze für des Klosterleben. Gegenwärtig treten keine jungen Frauen ins Kloster Heiligkreuz ein. Es fehlt an Kraft und Personal, um neue Eintritte zu begleiten. Über die damit verbundene Vergänglichkeit des Klosterlebens wird offen und ohne Verzweiflung gesprochen. Auch Peter Bachmann sieht sich diesem Wandel ausgesetzt. Er bleibe gerne im Moment und schaue nicht zu weit in die Zukunft, resümiert er.
In der Zeitkapsel
Mit weissen Schnüren bindet der Gärtner die Brombeerstauden an den Metallzaun. Umgeben von der Klostermauer, fühle er sich selbst nie zurückgebunden – hingegen werde sein Tun mit Interesse verfolgt. Aus ihren Fenstern hätten die Schwestern einen fernsehähnlichen Blick auf den Garten, meint Peter Bachmann lachend und deutet auf das hohe Wohngebäude. Unbemerkt würde der Gast an diesem Tag nicht bleiben. Mit Baumscheren werden die Ruten der schwarzen Himbeeren gestutzt, bevor es Zeit für eine Tasse Kaffee ist. Die Angestellten der Küche und des technischen Diensts haben sich bereits im Pausenraum eingefunden. Auf dem Tisch steht ein Krug, der aus der Zeit gefallen scheint. Der museal anmutende Charakter des Klosters bietet technische Vorteile. So wird berichtet, wie oft kaputte Dinge repariert werden können – bis hin zu einem Paar Orgelschuhe. Von der Diskussion angeregt, holt Peter Bachmann einen rostigen Schlüssel und öffnet seinem Gast eine weitere Türe: jene zur alten Backstube. Er nutzt die Gelegenheit, um zu lüften. Verstaubt aber wirkt der aufgeräumte Raum nicht. Auf einem Regal stehen Gussformen von Osterhasen und eine Backform für ein Osterlamm. Der Riemen für die Knetmaschine müsste neu gespannt werden, bemerkt Peter Bachmann. Das Fenster bleibt offen, als er die Türe hinter sich schliesst.
Handwerk und Handtelefon
«Sie waren heute bereits in der Laudes», bemerkt Sr. Theresita im Kräutergarten, als sie den Gast sieht. Gerne zeige sie ihm die Vielfalt an Pflanzen, zuerst aber hole sie Schwester Paulus. Der Gast folgt Sr. Theresita in die nahe gelegene «Villa», die Treppe hoch. Die Stufen knarren und in der Luft hängt der Duft von Holunder. Sr. Paulus füllt soeben Flaschen mit frischem Sirup und zeigt sich über den unerwarteten Besuch erfreut. Die Flaschen können warten und die zwei Schwestern wechseln den Raum. In diesem lagern getrocknete Kräuter und Rosen in Graukartonkisten. Kiste für Kiste wird geöffnet und der Inhalt allen Sinnen dargeboten. Sr. Theresita zückt ihr Mobiltelefon. Auf dem Bildschirm erscheinen Fotografien von bunten Ornamenten. Erst beim genaueren Hinschauen wird das Handwerk dahinter erkennbar: Minutiös wurden getrocknete Pflanzen auf einer Folie ange-
bracht. Eine Arbeit von mehreren Monaten. Für Teemischungen eigneten sich diese Pflanzen ebenfalls bestens, ergänzen die Schwestern. Mit Scheren ausgerüstet, sucht das Trio das Beet mit den Stiefmütterchen auf. Blüte für Blüte wandert in einen Kessel. Später würde die Ernte auf weissen Tüchern zu liegen kommen, um zu trocknen. Die aufwendige Arbeit wird sich einst als Geschmack in einer Tasse Tee entfalten.
Abschied und Empfang
Für die letzte Stunde heftet sich der Gast wieder an die Fersen von Peter Bachmann. Ein hölzerner Handwagen wird mit roten und violetten Sonnenlieschen bestückt. Er scheint den prüfenden Blick des Gastes gespürt zu haben. «Der alte Wagen läuft wie mit modernsten Kugellagern», kommentiert der Gärtner und lässt seinen Begleiter ziehen. Auf dem Kiesweg des Friedhofs kommt der Karren wenig später zu stehen. Sr. Patricia und Sr. Irmgard begrüssen die Neuankömmlinge. Auf jedem Grab findet ein Sonnenlieschen seinen Platz. «Die Blumen müssen schön in der Mitte gesetzt werden», leitet der Gärtner an. Blick zum Kreuz, Loch ausheben, Wurzelballen einlassen, mit Erde zudecken. Der Gast arbeitet genau. Blick zum Kreuz, Loch ausheben, Wurzelballen einlassen. Der Gast sieht auf, während seine Hände mit Erde zudecken. Blick zum Kreuz, Loch ausheben. Der Gast beginnt zu rechnen. Beim Blick zum Kreuz fällt das hohe Alter der Verstorbenen auf. Viele wurden über 90 Jahre. Nun haben alle Gräber frische Blumen. Der leere Karren wird im Gewächshaus für die Abschlussrunde beladen. Mit einer grossen Fuhre Blumenkisten schmückt Peter Bachmann den Aussenraum. Den letzten Halt macht er vor der Klosterpforte. Dort, wo Gäste anklopfen und empfangen werden.
Interessierte Gruppen können eine
Kräutergarten-Führung buchen.
Kontakt: Sr. Theresita Blunschi
info@kloster-heiligkreuz.ch