«Man macht, was man machen muss – und meistens wird es gut.» Marjorie Stucki-Smith spricht aus fast einem Jahrhundert Erfahrung und Erinnerungen. Erinnerungen an den Krieg, den wirtschaftlichen Aufschwung in den Jahren danach, die verschiedenen Orte der Welt, die sie besuchte, die Menschen, die sie dort kennenlernte.
Ihre Schulzeit verbrachte sie an der südenglischen Küste in Broadstone. «Einmal sprengte eine Druckwelle alle Fenster heraus. Es machte aber kaum einen Unterschied. Das Glas war so dünn, dass wir sogar innen an den Scheiben Frost hatten», sagt sie, als wäre das eher eine Kuriosität als eine Erinnerung an harte Jahre. Es war Krieg und regelmässiger Unterricht kaum möglich. Wurde die Schule doch geöffnet, wurde der Morgen jäh durch die Sirenen unterbrochen. «Unser Schutzraum hätte uns nur wenig geholfen, er war nicht einmal unterirdisch.»
Zwischen Sirenen und Freiheit
Für Marjorie war der Krieg selbst nicht das Dramatische. «Wir Kinder wussten nicht, wie gefährlich es wirklich war», sagt sie. Die Sirenen, die geschlossenen Schulen, der dürftige Schutzraum – all das gehörte einfach zum Alltag. Was sie stärker prägte, spielte sich zwischen den Alarmen ab. Eine geflüchtete Familie aus London war im Nachbarhaus untergebracht, darunter ein Junge namens Leslie. «Er war so ein feiner, stiller Bub», sagt sie. Die beiden verbrachten ganze Tage draussen, kletterten auf Bäume, streiften durch die Wälder. «Unsere Eltern arbeiteten, und wir konnten machen, was wir wollten.» Vielleicht war es gerade diese unbeschwerte Nähe, die den Verlust so tief machte. Leslie erkrankte schwer und starb kurz darauf. «Das war das Schlimmste.»
Der Krieg endete, als Marjorie zur Jugendlichen heranwuchs. Um sich das Studium zu finanzieren, arbeitete sie in lokalen Restaurants und Hotels. «Ich arbeitete oft an Feiertagen, daher war die Bezahlung gut.» Und sie konnte zum ersten Mal in die Ferien reisen. Dank einer Beziehung ihres Vaters verbrachte sie die Sommer auf der Île de Bréhat in der Bretagne. «Es war so schön, ich wollte nicht mehr nach Hause.» Nach dem dreijährigen Studium arbeitete sie als Lehrerein in einer Mädchenschule in Wimborne, Dorset.
Liebe auf Französisch
Und dann kam Edouard in ihr Leben. Ein Schweizer, mit dem sie nur ihr Französisch auffrischen wollte – der am Ende ihr Leben veränderte. «Er war zuverlässig, fleissig, ganz anders als die jungen Männer, die ich kannte», sagt sie. Er studierte Milchtechnologie und kam für einen Kurs nach England. Nach einer langen Freundschaft heirateten sie, lebten in Thun, bauten ein Leben auf. Bis Edouard eines Tages nach Hause kam und fragte, ob sie nach Australien auswandern möchte. «Ich dachte, warum auch nicht, und sagte ohne viel Umschweif Ja.» Kurz darauf flog Edouard ab, um seine Arbeit in der Milchfabrik zu starten. Drei Monate später stand Marjorie mit drei kleinen Kindern auf dem Deck eines italienischen Schiffes auf dem Weg nach Melbourne. «Ich hätte besser zuhören sollen», sagt sie lachend.
In Melbourne holte Edouard sie ab – in einem weissen Auto. «Von da mussten wir noch rund 200 Meilen bis nach Tongola fahren.» Nach wenigen Stunden war das weisse Auto rot vom Staub der endlosen Strassen. «Ich dachte, wir fahren ins Nichts.» Das Gefühl war nicht ganz falsch: Tongola ist eine kleine Stat in Victoria und hatte damals gerade mal 1000 Einwohner. Marjorie erholte sich schnell vom Schock, lebte sich in ihrem neuen Haus ein und half in den lokalen Schulen aus. «Alles war so weit weg, dass wir manchmal stundenlang Auto fuhren, um jemanden zum Kaffee zu besuchen.»
«Er war zuverlässig, fleissig, ganz anders als die jungen Männer, die ich kannte.»
Dem Leben nach
Nach neun Jahren kehrte die Familie zurück in die Schweiz. Es war wiederum eine schnelle Entscheidung und die Familie brauchte kurzfristig eine Wohnung in Winterthur. «Ein Freund konnte uns eine Zwischenlösung an der Technikumstrasse vermitteln. Ich erinnere mich an die Badewanne mit Füssen. Die Kinder fanden das besonders lustig.» Es folgen weitere Länder, weitere Aufbrüche: Italien, Ecuador, die USA, wieder die Schweiz. «Ich habe nie geplant», sagt sie. «Ich bin einfach gegangen, wenn das Leben rief.»
Seit 2010 lebt Marjorie in Cham. Ruhiger vielleicht, aber nicht still. Vor sich hält sie ihr Lebenswerk: ein Buch mit Erinnerungen und Gedanken zu ihrem Leben – sorgfältig gebunden, mit Bildern, die sie selbst fast überrascht haben. «Ich hätte es einfach von Hand geschrieben», sagt sie. «Aber so ist es schön.»
Marjorie Stucki-Smith wünscht sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Magdalena Church.