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Im Gespräch mit Josef Mathis
«Ich lernte, mit den Augen zu hören»

Viele Menschen in einem Raum sind für Josef Mathis eine Herausforderung. Seit seiner frühen Kindheit ist er hochgradig schwerhörig. Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, ein erfülltes Leben zu führen und seinem Traumberuf nachzugehen. 


«Ich lernte, mit den Augen zu hören»
Anita Müller: Therapeutin für Kinesiologie und natürliche Behandlungsmethoden

Aufgewachsen ist Josef in den Nachkriegsjahren oberhalb Grafenort in der Gemeinde Wolfenschiessen (NW). «Ich war das zweitälteste von 10 Kindern.» Als Sepp dreieinhalb Jahre alt war, erkrankte er an einer Hirnhautentzündung, doch zu jener Zeit gab es keinen Notarzt in der Nähe. So versuchten die Eltern, die Krankheit selbst zu behandeln. «Bis ich dann doch ins Spital kam, war es schon zu spät. Mein Gehör war dauerhaft beschädigt, ein Ohr ganz taub. Das bemerkte meine Familie jedoch erst später, weil ich oft nicht reagierte.» 


Der erste Schritt 
Als Josef eingeschult werden sollte, war klar, dass er besondere Betreuung brauchte. «Die Bergschule wurde damals von den Menzinger Schwestern geführt, und sie wussten, was zu tun war.» So kam er nach Hohenrain in eine Sonderschule für Schwerhörige und Taubstumme. Es war eine gute Zeit für Sepp. Er lernte unter seinesgleichen, und das, obwohl er bereits als Kindergartenkind als Internatsschüler von zu Hause wegmusste. «Ich blickte oft sehnsüchtig in die Berge. Aber es war schön, sich normal zu fühlen. Und ich lernte, mit den Augen zu hören – nur so konnte ich meinen Weg gehen», erinnert sich Sepp. 
Als er in die fünfte Klasse kam, wurde er von seinem Vater nach Hause geholt. «Mein älterer Bruder besuchte das Kollegium, da er studieren wollte. Mein Vater brauchte meine Hilfe auf dem Hof.» Doch für Josef war immer klar, dass die Landwirtschaft nicht für ihn war. «Mein Onkel, ein Pater in Engelberg, überredete meinen Vater, mich an die Oberstufe zu schicken.» Dort entdeckte der Schüler sein Interesse an Publikationen: Bücher, Magazine, Hefte – alles, was er in die Finger bekam. Sepp nutzte seinen Schulweg, um zu lernen: «Ich hatte einen etwas 30-Minuten-Fussmarsch zum Bahnhof und fuhr anschliessend rund 35 Minuten mit der Zahnradbahn nach Engelberg. Hin und zurück gab mir das täglich eine gute Stunde für Schulaufgaben.» Denn wenn er am Abend nach Hause kam, musste er im Stall helfen. «Und danach war ich zu müde.» 

 

«Mein Vater brauchte meine Hilfe auf 
dem Hof.»

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Dem Herzen nach
Nach zwei Jahren in der Oberstufe ging es um die Berufswahl. «Wieder wünschte mein Vater, dass ich auf dem Hof bleibe. Auch diesmal kam mir mein Onkel zu Hilfe und organisierte einen Berufsberater, der von Luzern anreiste.» So kam Sepp nach Cham, wo er seine Lehre als Schriftsetzer bei der Druckerei Heller absolvierte. Nach der Lehre sammelte er Erfahrung in verschiedenen Betrieben und machte zudem die Weiterbildung als Korrektor und Maschinensetzer. Dann zog es ihn wieder nach Cham, zurück zur Druckerei Heller. Er führte neue Drucktechniken ein, betreute die Lernenden und musste in der damaligen Papeterie Aufträge entgegennehmen. «Ich arbeitete auch am Chomer Bär mit: Ich schrieb Texte, machte Fotos für den Wettbewerb und gestaltete die Ausgaben.» Ein Teil der Arbeit gehörte zu seinem Job, doch sein Einsatz ging weit darüber hinaus. 

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Im Einsatz für Gleichgesinnte

Anfang der 2000er-Jahre traf Sepp eine frühere Schulkollegin. «Ich erzählte ihr, dass ich den Austausch mit gleichbetroffenen Menschen suchte. Sie verwies mich an den Verein Pro Audito Zug – einen Verein für Menschen mit Hörproblemen.» Nach dem tragischen Tod des damaligen Präsidenten Martin Döbeli beim Attentat wurde Sepp für die Vorstandsarbeit angefragt. «Ich weigerte mich, direkt das Präsidium zu übernehmen.» Stattdessen kümmerte er sich um Anlässe für die neu gegründete Aktivgruppe. Später übernahm Sepp das Layout und den Druck des Jahresberichts und der Einladungen. Mit seiner Pensionierung 2012 kamen weitere administrative Aufgaben hinzu, darunter die Überprüfung der Höranlagen und später die Betreuung der ersten Vereins­webseite.Sepp blickt auf viele Jahre intensiver Freiwilligenarbeit zurück. «Meine Einsätze kosteten mich viel Freizeit, aber die positiven Seiten und die kostbaren Kontakte überwiegen eindeutig.» Dieses Jahr feiert Pro Audito Zug sein 100-Jahr-Jubiläum: «Wir hatten eine besonders schöne Mitgliederversammlung im Juni und organisieren am 6. September ein grosses Fest in Zug. Für mich ist das die Gelegenheit, Abschied von der Vorstandsarbeit zu nehmen.»

Allen Schwierigkeiten zum Trotz konnte Sepp seinen Weg gehen. «Ich liess mich von meiner Hörbehinderung nicht aufhalten. Das verlangte immer wieder grossen Einsatz, ob im Beruf oder in der Freiwilligenarbeit.» Heute findet Sepp mehr Zeit für die Familie, zum Wandern oder Skifahren. Denn die Sehnsucht nach den Bergen packt ihn auch heute noch. 

Josef Mathis wünscht ­sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Edith Sidler-Betschart.