Anzeige

Im Gespräch mit Bruno Birrer
«Manche fanden, ich hätte einen Flick ab»

Bruno Birrer musste in seinem Leben oft Zeit ausfüllen. Dies tat er mit besonderem Engagement für Cham und viel Liebe zum Detail. Dabei war Einsamkeit ein steter Begleiter auf seinem Weg.


«Manche fanden, ich hätte einen Flick ab»
Bruno Birrer prägte Cham über Jahre mit seinen vielfältigen Engagements.

Als Bruno Birrer 18 Jahre alt war, stach ihm ein rostiger Nagel ein Loch in sein Leben. Die Wunde führte zu einem Superinfekt. Es folgten anderthalb Jahre Spitalaufenthalt und eine einsame Zeit. «In den ersten Monaten kam immer wieder Besuch, doch das nahm schnell ab.» Schwierig waren vor allem Feiertage wie Weihnachten und Ostern. «Alle, die irgendwie konnten, gingen nach Hause. Ein Weihnachten verbrachte ich ganz allein im 10er-Saal», erinnert sich Bruno.

Der Infekt hatte Auswirkungen auf die Knochenstruktur, mit Folgen, die Bruno bis heute spürt. Als der damals 20-Jährige endlich das Spital verlassen konnte, stand er vor einem kompletten Neuanfang. «Meine Lehre als Motorenbauer musste ich aufgeben. Also suchte ich etwas Neues. Während meiner Zeit im Spital merkte ich, wie spannend die Medizin ist.» So wurde er über Umwege zuerst Operationsfotograf und später Medizinlaborant.

Anzeige

Der Rollentausch
Als es mit seiner ersten Frau zur Trennung kam, übernahm Bruno die Kinderbetreuung. «Ich arbeitete halbtags im Labor und kümmerte mich den Rest der Zeit um meine zwei Kinder und den Haushalt.» Einige Jahre später entstand eine neue Beziehung, Bruno heiratete wieder und wurde zum dritten Mal Vater. «Meine Frau war Lehrerin und verdiente mehr als ich. Auch mochte sie ihre Arbeit sehr und wollte ihre Stelle behalten.» So wurde Bruno zum Vollzeit-Hausmann. Ein ausserordentliches Arrangement für die Zeit. Eines, das ihm viele schiefe Blicke und hochgezogene Augenbrauen einbrachte. «Die Spielplätze waren eine Frauenwelt, in die ich mich nie ganz integrieren konnte», erinnert sich Bruno. Doch am meisten machten ihm die anderen Männer zu schaffen. «Vielleicht waren sie auch ein bisschen eifersüchtig.» Der Familienvater liess sich nicht beirren. Er unternahm mit den Kindern Velotouren oder spazierte durch die Chamer Wälder. Dennoch sagt er offen: «Es gab viele einsame Momente.» Als alle drei Kinder im Kindergarten- und Schulalter waren und Bruno immer mehr Zeit für sich hatte, fand er zurück zum Handwerk: «Ich baute massstabgetreue Modellwagen aus Holz und bis heute stelle ich Fagott-Mundstücke her.» Beides aufwendige Handarbeiten, die viel Geschick und Aufmerksamkeit verlangen.

Die Radiowanderung
Viel Zeit und seine Angewohnheit, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, führten gleich zu weiteren wohltätigen Hobbys. So fing er an, die Wegweiser der Wanderwege rund um Cham zu reinigen. Während 20 Jahren blieb das eine ehrenamtliche Arbeit. Als der Verein Zuger Wanderwege gegründet wurde, entstand eine Plattform, über die Bruno für seine Mühen entschädigt werden konnte. 
Zum Job gehörten auch vorbereitete Wanderungen. Diese wurden am Freitagnachmittag am Radio verkündet. Eine Anmeldung war nicht nötig, wer Lust hatte, erschien. «Ich wusste nie, ob überhaupt jemand kommt oder ob 100 Leute auftauchen.» Samstagmorgen markierte Bruno den Weg für die Wanderer und Wanderinnen. «Bis heute gibt es Bäume mit den gelben Markierungen von damals.» 

Anzeige

Das Abfallvelo
Wie er so unterwegs war, allein oder mit den Kindern, stach ihm ein neuer Dorn ins Auge: «Mich störte der Abfall an den Strassenrändern. Also fing ich an, der Sinserstrasse entlang alles einzusammeln.» Für ihn eine Kleinigkeit, denn: «Ich hatte ja Zeit.» Dennoch war die Wirkung deutlich sichtbar. Auf dem Fahrrad unterwegs, ausgerüstet mit einem Kübel, hielt er jedes Mal an, wenn er Abfall entdeckte. «Ich habe ganz komische Sachen gesammelt, zum Teil lagen ganze Abfallsäcke am Strassenrand. Wenn ich eine Adresse fand, meldete ich es der Polizei.» 
Seine regelmässige Runde brachte Bruno unter die Leute. Er wurde gesehen und bemerkt. «Manche fanden, ich hätte einen Flick ab.» Auch den Werkhofmitarbeitenden fiel er auf. «Der Werkhofmeister und ich organisierten einen Occasions-Kyburz mit einem Anhänger, in dem ich das Gesammelte direkt sortieren konnte.» Mit dieser Ausrüstung weitete er seine Runde bis nach Mühl­au aus. «Vor ein paar Jahren übergab ich den Job, aber ich werde noch heute deswegen angesprochen.» 

«Mich störte der Abfall an den Strassenrändern. Also fing ich an, der Sinserstrasse entlang alles einzusammeln.»

Das Abfallvelo
Angesprochen wird er auch wegen der historischen Führungen durch Cham, die er jahrelang begleitete. «Geschichte fasziniert mich. Also fing ich an, mich zu informieren.» Dabei erzählt er nicht nur über Cham; mit seinen Tätigkeiten, den Führungen, dem Abfallvelo, aber auch mit seinen Zeichnungen schrieb er selbst ein Stück Chamer Geschichte.

Bruno Birrer wünscht sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Marjorie Stucki-Smith.