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Niederwildjagd
Niederwild in Niederwil: Vom Leben und Sterben

Wir essen Fleisch. Aber mit dem Tod des Tieres, das dafür sterben muss, wollen wir nichts zu tun haben. Am liebsten kaufen wir es in sauberen Stücken, ohne Knochen, ohne Blickkontakt, ohne 
Erinnerung daran, dass es einmal gelebt hat. Ein Leben in Freiheit mit einem plötzlichen Ende wirkt auf mich ehrlicher als Zucht und Schlachthof. Und trotzdem: Wenn geschossen wird, runzeln viele die Stirn. 


Niederwild in Niederwil: Vom Leben und Sterben

Im Kanton Zug werden jährlich rund 400 Rehe erlegt, viermal mehr, als im Verkehr verenden. Und trotzdem bleibt der Bestand seit Jahrzehnten stabil. Jagd, so wird mir klar, ist mehr als Töten. Sie ist Kontrolle, Hege, Ritual und ein Stück Kultur. Ich will verstehen, warum gejagt wird, wer es tut und was mit dem Wild geschieht. Also begleite ich an einem herbstlichen Mittwochmorgen die Jagdgruppe Wolpentinger in Niederwil und will vor allem eines nicht tun: wegschauen.

Kaffee, Gipfeli, Kaliber
Treffpunkt ist der Parkplatz vor der Kirche Niederwil. Doch Gottes Segen brauchen heute anderen Wesen. Zwischen offenen Kofferräumen dampft Kaffee, Gipfeli werden geteilt, die Stimmung ist locker. Die Männer, zwischen 30 und 75, könnten unterschiedlicher kaum sein. Ein Tesla steht neben einem Defender, ein Subaru neben einem BMW i3. Doch für die nächsten Stunden eint sie dieselbe Mission: Treibjagd in Niederwil. 
Ursula, die einzige Frau, sorgt zusammen mit Philipp, einem Teilnehmer des aktuellen Jagdlehrgang und den Hunden Cooper, Timo und Bex als Treiber für Bewegung im Wald. Die Hunde zittern vor Aufregung. Sie wissen längst, was kommt. Armin, der Stratege, breitet die Karte aus. Das Vorgehen ist präzise: Ein längliches Waldstück wird umstellt, die Treiber treiben das Wild langsam vor sich her, bis es in die Schneise flüchtet und in die Schusslinie gerät.
Ein kurzes «Waidmannsheil», Uhren synchronisiert, die Jagd ruft. Es geht los.


Der erste Trieb
Ich begleite Armin. Seit gut zehn Jahren ist die Jagd für ihn mehr als nur ein Hobby. «Zehn Prozent Chance, dass heute etwas läuft», meint er. Wir stehen still am Waldrand des Hatwilerholzes, jedes Geräusch wirkt plötzlich laut. Krähen, ferne Autobahn, ein Reiher stolziert übers Feld. Dann das Horn. Stimmen aus der Tiefe des Waldes, Hundegebell, das näherkommt. «Hoihoihoi!», «Heyaheya!», archaische Rufe, irgendwo zwischen Urinstinkt und Choreografie.
Doch kein Schuss fällt. Der Trieb endet, das Horn verklingt. Natur 1, Mensch 0. Auch der zweite Trieb verläuft nicht besser, schlimmer noch, eine Geiss und ein Bock brechen durch, Jäger am falschen Platz.

Der Moment
Beim dritten Durchgang läuft es anders. Wieder Gebell, wieder Spannung. Dann ein Knacken, ein Schatten, ein Reh springt aus dem Wald. Sekunden später zwei dumpfe Schüsse. Armin hebt das Fernglas, nickt, Treffer.
Wir warten, bis das Horn das Ende signalisiert. Dann gehen wir hin. Ein Junges Reh (Schmalreh) liegt in der Wiese, sauber gefallen, ohne sichtbare Wunden. Heinz, der Schütze, steht ruhig daneben. Kein Triumph, kein Grinsen. Nur Stille.
Philipp hilft beim sogenannten Bruch. Ein Zweig Weisstanne wird abgebrochen und dem Tier in den Äser (Mund) gelegt, ein zweiter steckt bald im Hut des Schützen. Mit einem «Waidmannsheil» wird dem Schützen gratuliert. Ein stilles Ritual, das dem Tier und dem Moment Respekt zollt. Danach wird ausgenommen: Leber, Herz, Lunge. Sauber, präzise, ruhig. Ich sehe zu, helfe, und staune, wie geruchlos der Prozess ist.

Auf die Plätze:  Armin und Marco beziehen  ihre Positionen.
Auf die Plätze: Armin und Marco beziehen ihre Positionen.
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Nachklang
Später, im Garten von Hans in Cham, lodert das Feuer. Hans, 92, Jagdlegende, hat längst angerichtet. Der Jagd kann er seit einigen Jahren nicht mehr beiwohnen, umso mehr freut er sich auf den Besuch seiner Jagdfreunde. Wein in Zinnbechern, Wild auf dem Grill, Stimmen, die sich überschlagen. Jägerlatein und Lieder mischen sich mit Rauch. «Horrido, horrido, Waidmannsheil», wird gesungen. 
Bevor ich gehe, zeigt mir Hans seine Stube, voll mit Trophäen, über ein halbes Jahrhundert Jagdgeschichte an den Wänden.
Ein paar Tage später stehe ich im Supermarkt vor der Fleischtheke. Alles sauber geschnitten, vakuumiert, etikettiert. Auch Hirsch. Es ist ja Saison. Ich denke an Niederwil, an die Stille nach dem Schuss. Dann greife ich nach einer Pouletbrust.

 

Jägerstolz: Hans mit  seinen Trophäen.
Jägerstolz: Hans mit seinen Trophäen.
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