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Der Bärenaufbinder
Sechster  Fall: Fallschirm oder Finger


Sechster  Fall:  Fallschirm oder Finger

us Wut kippte eine geprellte Künstlerin eimerweise Farbe auf ihr Kunstwerk — und vollendete es so letztlich. Mit der Annahme, dieses sei wenig später verkauft worden, lag ich falsch. Tatsächlich betrachtete die Schöpferin das Gemälde als Glücksbringer und deklarierte es über Jahre als unverkäuflich. Nun aber, meinte sie, könnte sie es weitergeben. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, mir den Glücksbringer über mein Bett zu hängen. Den Blick ins Portemonnaie liess mich zweifeln und brachte mich ins Grübeln, ob Glück hin und wieder eben doch käuflich sei. 
Für meine nächste Zielperson legte ich folgende These fest: Eine nahestehende Person schafft es nicht, mir einen Bären aufzubinden. Um dies zu überprüfen, verabredete ich mich mit meinem Onkel. Dieser scheint seit Kindesbeinen aussergewöhnliche Situationen magisch anzuziehen. Auf Familienfeiern erzählte er von seinen nächtlichen Strolchenfahrten, sich überschlagenden Fahrrädern, Enten am Angelhaken, einem aufgeflogenen Piratensender — nur um einen kleinen Auszug zu nennen. Als Spitalclown und Notfall-Krankenpfleger erlebte er ohnehin viel Sonderbares. Mein Onkel aber hatte die Gabe, das Schräge auch im Alltäglichen zu wittern. Das Unerwartete begeistert ihn und es lag sozusagen in der Natur der Sache, dass sich in seinem Keller ein Arsenal an Zaubertricks angesammelt hatte.  
Zwischen Bühnenvorhängen, einer magischen Waschmaschine und unzähligen Kartonkisten traf ich ihn. Kurz erklärte ich meine Regeln: zwei Anekdoten — eine wahr, eine erfunden. Tippe ich falsch, binde ich mir einen Plüschbären um und mische mich unters Volk. Dann gab ich das Startzeichen.

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Anekdote 1

Bei der Instruktion zu einem Fallschirmsprung wurden meinem Onkel Bilder von Krankenwagen gezeigt – wohl um den hohen Sicherheitsstandard zu demonstrieren. Er schmunzelte und meinte, bei dieser Fallhöhe wäre ein Krankenwagen wohl überflüssig. Kurze Zeit später, bereits im freien Fall, riss der Wind seinen Arm ruckartig hoch und die Schulter kugelte aus. Nach einer sicheren Landung folgte die Fahrt mit dem Krankenwagen.

Anekdote 2

In den 1970er-Jahren lebten im Tierpark Goldau Kapuzineraffen. Auf einem Ausflug steckte mein Onkel, bestrebt, mit den flinken Tieren in Kontakt zu treten, seine kleinen Kinderfinger in den Käfig. Pfeilschnell hangelte sich einer der Affen dem Gitter entlang und erwiderte die Kontaktaufnahme mit einem kräftigen Biss. Mit einer Starrkrampfimpfung intus und zwei bandagierten Fingern beichtete er abends am Familientisch, vom Affen gebissen worden zu sein. 

Affen im Tierpark Goldau? Das roch verdächtig nach einer Lüge — beherbergte der Tierpark nicht ausschliesslich heimische Tiere? Und die Anekdote mit dem Fallschirmsprung? Die schien mir ein wenig zu rund mit der Instruktion und der tatsächlichen Krankenwagenfahrt. Schliesslich meinte ich, dass die Affenbiss-Geschichte nicht stimme. Dies, weil sie auf einer bekannten Redewendung aufbaue. Mein Onkel grinste und eröffnete mir, dass beide Erzählungen wahr seien. Für einen Moment wusste ich nicht, ob er mich gerade doppelt an der Nase herumführte. Mit ernster Miene hob er die Schwurfinger und liess keinen Zweifel, gegen mein Regelwerk verstossen zu haben. Bereits wollte ich einen neuen Termin mit ihm vereinbaren, um nach den bekannten Regeln zu spielen. Da aber merkte ich, dass ich auf ein kleines Geheimnis meines Onkels gestossen war: Wer die Spielregeln des Lebens liebevoll justiert und ausgelotet, schafft Raum für Unerwartetes. Und das ist bekanntlich der Nährboden für die unterhaltsamsten Geschichten — ob sie nun gänzlich stimmen oder nicht.