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Der Bärenaufbinder
Letzter Fall: Tirade oder Zugabe


Letzter Fall: Tirade oder Zugabe

Eine mysteriöse Dame, die Münzen im Brunnen zählt und aus dem eigenen Sack aufrundet? Bei meinen Recherchen lernte ich originelle Menschen kennen. Die letzte Zielperson und ihre seltsamen Anekdoten habe ich mir aber feinsäuberlich ausgedacht. Liebe Chomerinnen und Chomer: Die Gelegenheit, der Leserschaft einen Bären aufzubinden, konnte ich nicht auslassen. Und so amüsierte ich mich in den vergangenen Wochen prächtig – bei jeder Tippabgabe, die mich erreichte. Mit Bedauern musste ich der Redaktionsleitung beichten, keine rätselhafte Münzzählerin getroffen zu haben. Ich tröstete die enttäuschten Gesichter mit der Annahme, bald Chomerinnen und Chomer mit Plüschbären auf dem Rücken in den Strassen zu sehen. Denn geglaubt haben es nicht wenige. Und Wettschulden sind bekanntlich Ehrenschulden.

Unter Berücksichtigung meiner angeschlagenen Glaubwürdigkeit suchte ich nach einer finalen Zielperson. Und nach einer Möglichkeit, die Geister, die ich rief, wieder loszuwerden. Eine Regelanpassung war unumgänglich: Um das Vertrauen zurückzugewinnen, würde ich die Identität meiner Zielperson offenlegen müssen. Ein drastischer Schritt für einen diskreten Anekdotenjäger. Unter diesen Umständen kamen nur Menschen infrage, die bereits im Licht der Öffentlichkeit stehen – Gemeinderatsmitglieder und ähnliche Rampensäue. Mit verschlossenen Augen führte ich meinen Finger über das Gruppenfoto des Chamer Gemeinderats. Er blieb stehen und ich schickte eine Anfrage an Christine Blättler-Müller. Die Vorsteherin Soziales und Gesundheit empfing mich in der darauffolgenden Woche im Ratszimmer und klärte mich auf, sehr schlecht im Flunkern zu sein. 

Dies wolle ich überprüfen – immerhin wird vielerorts am Stammtisch rausposaunt, Politik und Wahrheit seien ein ungleiches Paar. Mit meinem Notizblock im Anschlag erläuterte ich die Spielregeln: zwei Geschichten – eine müsse stimmen, die andere auf keinen Fall. Christine Blättler-Müller nickte und setzte zu einem Prolog an: Als die Griitehirse-Zunft gegründet wurde, fiel ihr eine besondere Ehre zu. Als erstes Fasnachtsoberhaupt – namentlich als Zunftwiib – begleitete sie Hans in der fünften Jahreszeit. Seite an Seite schmissen sie zwei Jahre hintereinander Konfetti in die Menge und sorgten für Stimmung in den Gassen.

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Anekdote 1
Am Hünenberger Umzug habe sich die Griitezunft nach dem Startschuss in Bewegung gesetzt und die wartende Eichenzunft überholt. Die Kafi-Südi der Eichen­zunft habe gedampft und sie als Zunftwiib fasste sich ein Herz. Mit einem lauten «Sali Hans» habe sie eine Ladung Konfetti in Richtung Kafi-Südi geworfen – und sei postwendend von einem Eichenzünftler mit einer Familienpackung Tiraden eingedeckt worden.

Anekdote 2
Das Amt als Zunftwiib habe sich zu ihrem Bedauern auf zwei Jahre beschränkt. Zu gerne hätte sie eine Amtszeit angehängt, um Konfetti vom Wagen zu werfen. Die Mühe mit dem Loslassen habe sie auf eine Idee gebracht. Dem Zunftrat habe sie vorgeschlagen, künftig als Hans – unerkannt unter der Maske – aufzutreten. Der Rat habe, ohne zu zögern, eingewilligt und sie sei als Hans noch eine Fasnacht länger auf dem Wagen gestanden. 

Beide Anekdoten hörten sich plausibel an. Um den Weizen von der Spreu zu trennen, erfragte ich eine detaillierte Schilderungen der Ereignisse. Der Plan ging auf. Christine Blättler-Müller beschrieb die Kafi-Südi-Szene so ausführlich, dass sie stimmen musste. Mein Gegenüber nickte. Die Gemeinderätin hatte ihre Fähigkeit in Sachen Flunkern richtig eingeschätzt und eine Stammtischweisheit mühelos entkräftet. In Cham scheint nur ein Anekdotenjäger seine Glaubwürdigkeit leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.