Unerwartet hatte die letzte Zielperson gegen meine Spielregeln verstossen und mir zwei wahre Geschichten aufgetischt. Als Kind wurde sie von einem Kapuzineraffen gebissen und im Erwachsenenalter nach einem Fallschirmsprung vom Krankenwagen abtransportiert – die Absurdität des Lebens macht die Fantasie hin und wieder überflüssig.
Meine nächste Zielperson wählte ich mit Bedacht. Über Wochen hörte ich mich bei Chomerinnen und Chomern um. Unzählige Vorschläge notierte ich mir, wobei einer herausstach: eine Fischerin der besonderen Art. Wie meine Quelle berichtete, spiele sich seit Jahren bei einem Brunnen in Cham Sonderbares ab. Jeden Montagmorgen beobachte sie, wie eine ältere Frau mit Pagenschnitt sehr konzentriert ins Wasser starrt und mit ihrem Spazierstock Münzen herausfischt. Abschliessend, so meine Informantin, schmeisst die Frau die Münzen wieder zurück.
Zugegeben: Zuerst dachte ich an Seemannsgarn. Aber dieses mysteriöse Schauspiel hatte mich am Haken. Also setzte ich mich an einem Montagmorgen mit einer Lektüre auf den Brunnenrand. Beim dritten Kapitel angelangt, grüsste mich eine freundliche Stimme. Ich schaute auf – und vor mir stand eine ältere Dame mit Pagenschnitt. Überrumpelt gab ich ein übertrieben unaufgeregtes «Guten Morgen» von mir. Um unauffällig zu wirken, senkte ich den Blick und blätterte weiter. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie die Frau den Brunnen inspizierte. Sie murmelte vor sich hin und begann, Münzen zu fischen – offenbar, um sie zu zählen.
Länger hielt ich es nicht aus. Neugierig fragte ich sie, was sie hier tue. Die Dame entgegnete, sie zähle, wie jeden Montagmorgen, das Geld im Brunnen. Den zusammengezählten Betrag runde sie jeweils auf den nächsten vollen Franken auf – dieses Ritual bringe ihr Glück. Sie zückte einen Lederbeutel, gefüllt mit Kleingeld. Wir kamen ins Gespräch und nach einer Weile standen die Zeichen günstig, ihr von meiner Mission zu erzählen. Ob sie bereit sei, zwei Anekdoten zu liefern. Nur eine aber dürfe stimmen. Die Dame gab sich einverstanden, holte sich einen Kaffee um die Ecke und kam mit folgenden Geschichten zurück:
Anekdote 1
Seit Jahren komme sie wöchentlich hier vorbei, um die Münzen zu zählen und exakt aufzurunden. Einmal aber konnte sie ihr Ritual nicht durchführen. Grund dafür sei ein verirrter Schwan gewesen, der sich im Brunnen befand und sich vor ihr bedrohlich aufplusterte. In den darauffolgenden Tagen habe sie eine Pechsträhne gehabt.
Anekdote 2
Im Februar vor einem Jahr sei sie auf eine besondere Münze gestossen: ein Goldvreneli 20. Die Goldmünze habe ihr einige Umstände bereitet. So musste sie am Bankschalter den aktuellen Kurs erfragen, um auf den nächsten vollen Franken aufrunden zu können. Sie sei froh gewesen, als die Münze eine Woche später aus dem Brunnen verschwunden war.
Ich überlegte. Nicht lange her, begegnete mir eine Entenfamilie in der Stadt und löste einen Feuerwehreinsatz aus. Wenn Enten sich verirren können, bringt dieses Kunststück auch ein Schwan fertig. Aber die Geschichte mit dem Goldvreneli schien ebenso plausibel. Im Kanton Zug würde es nicht erstaunen, wenn hie und da eine Goldmünze im Brunnen landet. Schon spielte ich mit dem Gedanken, mich als kantonaler Brunnenmünzjäger selbstständig zu machen. Und, fragte die Frau schliesslich. Mir schwante nichts Gutes. Unschlüssig tippte ich aufs Geratewohl – und lag kreuzfalsch. Den Plüschbären würde ich mir ein weiteres Mal aufbinden müssen. Bei welchem Anlass, verrate ich in der nächsten und letzten Ausgabe vom Bärenaufbinder.
Was denken Sie? Bei welcher Geschichte wurde geflunkert? Die Auflösung finden Sie in der nächsten Ausgabe.