Aufschwingen
Wie auch immer die Witterung spielt, die Schicht von Fabian Weibel startet windstill. In Vollmontur steht er an diesem Tag in der Zuger Zentrale und betrachtet das Kuriertelefon. Es ist 10 Uhr und in der App wird dem Fahrer 64-37 noch nichts angezeigt. «Mit einem Anruf in die Disposition ändert sich das rasch», sagt Fabian Weibel und lässt klingeln. Die Stimme am anderen Ende gibt eine ausführliche Route durch. Kaum aufgelegt, erscheinen die Aufträge aufgelistet auf dem Mobiltelefon. «Ich bin mir nicht sicher, ob die Disponentin mit einer Begleitung gerechnet hat», kommentiert er schmunzelnd und scrollt durch die Liste. Eine Schicht von sechs Stunden steht bevor. Und der wolkenverhangene Himmel prophezeit nasse Strassen. Der Kurier packt einen Quittungsblock, Versandbeutel und einen Apfel in den Blachenrucksack. Wenig später radeln wir zur ersten Adresse, einem Blumengeschäft.
Umsatteln
Eine Floristin erwartet uns bereits und überreicht dem Kurier einen gigantischen Blumenstrauss. Mit diesem auf dem Rücken lotst er mich durch die Innenstadt und steuert in eine Tiefgarage. «Diese Blumen sind heute nicht die einzigen. Zuerst müssen wir umsatteln.» Auf einem Parkplatz steht ein Cargo-Velo bereit – ein Modell mit elektrischer Unterstützung. «Bei allen anderen Rädern sind wir ausschliesslich mit Muskelkraft unterwegs», versichert Fabian Weibel beim Verlassen der Garage und nimmt die Steigung mühelos. Der nächste Halt befindet sich vor dem Lager eines weiteren Blumengeschäfts. Die Wanne des Cargo-Velos füllt sich mit sieben Sträussen, zu denen sich in Folge ein Lunchpaket aus der Bäckerei dazugesellt. Nun gilt es, die Fracht auszuliefern. Die ersten Regentropfen fallen, als wir in das Industriegebiet von Steinhausen einbiegen. Das Lunchpaket wird im obersten Stock des Gebäudes erwartet. «Wenn es einen Lift hat, nehme ich ihn. Nicht wegen der Beine, sondern um die nächste Adresse nachzuschauen.»
Eine Fahrt ins Grüne
In Steinhausen werden wir zusätzlich um einen Blumenstrauss leichter und peilen das Papieri-Areal an. Inmitten der Überbauung lässt Fabian Weibel seinen Blick schweifen. Die Zufahrt zum gesuchten Gebäude scheint nicht offensichtlich. Ein Passant mit Kinderwagen winkt uns zu und weist uns den Weg. Sind Menschen hilfsbereit, bleibt das Navigationsgerät in der Tasche. Vor einem Neubau wandert ein weiterer Blumenstrauss unter der orangen Plane hervor. Der Kurier eilt ins Haus, während ich die Cargo-Wanne wieder zudecke. Die Fahrt geht über Kieswege, unter Brücken und umgeben von Wiesen weiter. Mit olympischem Tempo brettern wir bei Schönau die Strasse runter. Noch ahnt eine Frau in Hagendorn nicht, dass sich ein Kurier auf dem Weg zu ihr befindet. Nach einer wilden Abfahrt ist der Moment gekommen: Die Frau öffnet die Haustüre und sieht einen tropfenden Kurier, der ihr einen Blumenstrauss entgegenstreckt. Routiniert nennt er ihren Namen und betont, nur der Überbringer zu sein. Der anfänglichen Skepsis weicht Freude und wir verabschieden uns. «Jetzt müssen wir uns beeilen, sonst verpassen wir den Zug», meint Fabian Weibel mit Blick auf die Uhr. Die Erklärung dazu folgt auf dem Weg nach Cham.
Unter Zeitdruck
Um 12.30 Uhr würde der Schnellzug Richtung Zürich in Zug halten. «Wir werden eine Sendung mit Laborproben in diesen verladen. Diese Proben müssen wir nun besorgen.» Wir treten in die Pedale und radeln zu einer Arztpraxis. In dieser nimmt der Kurier einen Umschlag mit Laborproben entgegen. Und nur 15 Minuten später spielt sich die gleiche Szene in einer Zuger Praxis ab. Am Bahnhof Zug werden letztlich die gesammelten Umschläge in einen Versandbeutel gepackt. Auf dem Perron angekommen, verbleiben noch wenige Minuten, bis der Schnellzug einfährt. Der Kurier schaut in der App nach, wo sich das Schliessfach im nächsten Zug befindet. «Es ist wichtig, am richtigen Ort zu warten. Steht der Zug, hast du eine Minute, um die Ladung zu deponieren und wieder auszusteigen.» Auch schon hätten sich die Türen geschlossen – und Kurier und Ware seien nach Zürich gefahren. Dieser urbane Mythos kursiere zumindest in Kurierkreisen. Der Schnellzug hält und Fabian Weibel steigt ein.
Aufwärmen und durchatmen
Als der Zug anrollt, steht der Kurier wieder auf dem Perron. Er ruft die Disponentin an. Diese gibt grünes Licht für eine Pause. Im nahe gelegenen Einkaufszentrum wärmen wir uns bei einem Becher Tee auf und trocknen die Handschuhe über der Heizung. Die Hälfte der Schicht ist durch. «Du hast dir den längsten Einsatz ausgesucht», kommentiert Fabian Weibel. Die kürzeste Schicht würde 4,5 Stunden dauern. «Als Kurier kannst du nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Nicht wegen der Beine», sagt er. «Irgendwann lässt der Kopf nach.» Wer im Verkehr das schwächste Glied sei, dürfe sich keine Unaufmerksamkeit leisten. Pro Woche arbeite er meist 18 Stunden auf dem Sattel. «Für viele von uns ist es eine Teilzeitarbeit. Einige suchen den Ausgleich zu ihrem Büroalltag.» Zweifelsohne bringt diese Tätigkeit viel Abwechslung. Fabian Weibel erzählt von seiner Valentinstag-Odyssee – als er über 25 Blumensträusse verteilte. Oder davon, wie sich zwei Schulbuben auf dem Pausenplatz prügelten und er – trotz Eile – couragiert dazwischenging.
Niemand zu Hause
Aufgewärmt fahren wir mit den übrigen Blumensträussen nach Cham. Der Vorteil: Beide müssen an die gleiche Person geliefert werden. Beim Häuserblock angekommen, öffnet niemand. Der Kurier klingelt in der Nachbarschaft. Das Schloss surrt und im ersten Stock schaut uns eine Frau mit Erstaunen an. «Tut mir leid, die sind leider nicht für Sie», entschuldigt sich Fabian Weibel. «Vielen Dank, dass Sie uns geöffnet haben. Die sind für Ihre Nachbarin.» Wir deponieren die Überraschung vor der Haustüre. Unterdessen ist ein weiterer Auftrag reingekommen. Dieser führt uns in eine Zuger Anwaltskanzlei. Die Angestellte am Schalter überreicht uns einige Papiere, die wir in die Staatskanzlei bringen sollen. Alle Informationen zu den Apostillen würden sich auf einem Post-it befinden, meint sie bei der Verabschiedung. Ohne zu wissen, was Apostillen sind, verlassen wir die Kanzlei. «Oft drücken Büroangestellte ihre Bewunderung aus und sagen: Verrückt, ihr seid bei jedem Wetter unterwegs.» Dies könne er nur zurückgeben: Die Menschen im Büro seien auch bei jedem Wetter drinnen.
Der Kurier weiss, dass er nichts weiss
Auf dem Weg in die Staatskanzlei holt mich ein Pizzakurier auf seinem Elektroroller ein. Er winkt und schreit anerkennend: «Du bist ein Mafioso, so schnell wie du ohne Motor fahren kannst!» Wir lachen kurz, er lässt sich wieder zurückfallen und ich trete in die Pedale. Es ist diese Anhäufung von kleinen Momenten, die Abwechslung in das Kurierleben bringt. In der Staatskanzlei erhalten wir die verlangten Apostillen und einen kurzen Vortrag, was eine Apostille überhaupt ist. Wir bringen die gezeichneten Dokumente zurück in die Anwaltskanzlei. Nach über sechs Stunden findet die Schicht ihr Ende. Zurückgelegt haben wir eine Strecke von 47,4 km – oder: eine Fahrt von Cham bis in den Zoo Zürich. Pünktlich und zuverlässig hat jede Ladung ihren Bestimmungsort erreicht. Wozu aber die Apostillen gebraucht wurden, werden wir nie erfahren. So wie wir nie wissen werden, zu welchen Diagnosen die Laborproben geführt haben. Oder warum sich heute eine Frau in Hagendorn über Blumen freuen durfte. Denn Diskretion ist in diesem Beruf so entscheidend wie die Wetterfestigkeit.