«Die Arbeit mit den Hühnern fand ich als Kind doof», erinnert sich Lukas. Er sitzt am grossen Esstisch im geräumigen Wohnbereich des renovierten Hauses auf dem Hof. Draussen ist es dunkel. Zwischendurch erleuchten die Scheinwerfer den Hof, ausgelöst vom Bewegungsmelder. Dann ist der grosse Hühnerstall vom Fenster aus gut sichtbar.
Dort wohnen rund 2500 Hühner – doppelt so viele, wie damals seine Eltern hielten. «Ich übernahm den Hof vor 12 Jahren in Pacht. 2017 strukturierte ich den Betrieb um: Ich gab den Obstbau auf, stellte vom Futter- auf Ackerbau um und hörte mit der Milchproduktion auf und setzte voll auf Hühner und die Eierproduktion.» Diese Eier verkauft Lukas ausschliesslich über Direktvermarktung: entweder im eigenen Eierautomaten auf dem Hof, als Lieferservice an Privathaushalte oder an lokale Betriebe aus der Region.
Inzwischen läuft das Geschäft gut. Vor einem Jahr gab es jedoch bereits die nächste Veränderung: «Ich bin Vater geworden und ich nehme mir sehr bewusst viel Zeit mit meiner Tochter.» Eine Zeit, die Lukas immer gut organisieren muss. Einen Tag pro Woche schaut er auf seine Tochter, und diesen Tag lässt er sich nicht nehmen. «Der Stall und die Lieferungen müssen trotzdem immer gemacht sein. Und manchmal wäre es sogar einfacher, an dem Tag auf dem Hof zu arbeiten.» Schliesslich geht auf einem landwirtschaftlichen Betrieb die Arbeit nie aus.
«Die Leute sind sich kaum bewusst, wie viel Arbeit in einem Ei steckt.»
Aufs Land berufen
Der Beruf Landwirt wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Als Jugendlicher hatte er viele verschiedene Interessen. «Ich habe während der Berufswahl verschiedene Jobs angeschaut. Aber nichts sagte mir richtig zu.» Also entschied sich Lukas trotzdem für eine Lehre als Landwirt – eine solide Erstausbildung mit vielen weiteren Möglichkeiten. Da er seinen Eltern oft auf dem Hof aushalf, kannte er den Beruf ja bereits. «Ich fand Traktorfahren immer das Grösste», sagt er lachend. «Ich übernahm oft diese Aufgaben. Ich hatte Spass und mein Vater war froh, dass es erledigt war.»
Er merkte schnell, dass ihm die Arbeit auf dem Land und mit den Tieren sehr zusagt – auch wenn er dabei nicht ständig im Traktor sitzt. Er blieb hängen und absolvierte zusätzlich eine Zweitausbildung als Geflügelfachmann. Da war es um ihn geschehen. «Die Hühner haben in mir eine Leidenschaft geweckt.»
Das Ding mit dem Ei
«Die Leute sind sich kaum bewusst, wie viel Arbeit in einem Ei steckt.» Neben dem Misten, Füttern, Eiersortieren, Verpacken und Ausliefern kommt eine Menge Büroarbeit dazu. «Mittlerweile machen Auslieferungen, Vermarktung und die tägliche Stallarbeit den Bärenanteil meiner Arbeit aus.» Inzwischen verkauft Lukas täglich fast 1000 Eier im Hofladen, dazu kommen noch die Lieferungen. «Als ich den neuen Stall plante, sollte er fast viermal so gross sein. Das Ziel war, die grossen Händler wie Migros oder Coop zu beliefern.» Mit so einem Vertrag wäre der Absatz gesichert und die Eier würden alle paar Tage von einem Lastwagen abgeholt. «Natürlich ist man so auch abhängig von einem einzigen Abnehmer», erklärt Lukas.
Auf dem Weg zur Stadt
Heute ist er froh, den gewählten Weg eingeschlagen zu haben. «Anfangs war mir das nicht so bewusst, aber mit der Direktvermarktung kann ich etwas Gutes für die Region tun.» Eine Region, die ihm am Herzen liegt. Seit 35 Jahren ist Cham sein Zuhause. In dieser Zeit hat sich der Ort verändert: «Für mich war Cham immer ein Dorf, auch wenn es offiziell schon vor meiner Geburt eine Stadt wurde.» Und der Familienhof lag abgeschiedener auf dem Land. Heute ist der Hof im Teuflibach von Baustellen umgeben. Ob ihn das störe? «Manchmal. Mit der Überbauung in der Papieri, dem Chama und nun mit der Umfahrung wächst Cham weiter zu einem Wirtschaftsstandort. Als Unternehmer freut mich das, denn es gibt neue Kundschaft. Persönlich stimmt es mich wehmütig.» Wehmütig, weil mit dem Wachstum alles auch anonymer wird. «Früher war alles persönlicher. Das ist längst nicht mehr so. Cham ist jetzt eine Stadt geworden.»
Lukas Birrer wünscht sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Simon Meisser.